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Interview : Europa, das neoliberale Fußballparadies

  • Aktualisiert am

Reguliertes Amerika: Große Unterschiede, gleicher Jubel Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Professor Norbert Berthold interessiert sich für die Ökonomie des Fußballs. Die Branche mit dem runden Leder ist keine wie jede andere: Der Fußballmarkt ist in Europa sehr viel weniger reguliert als in Amerika.

          2 Min.

          Norbert Berthold ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Würzburg. Der Wirtschaftswissenschaftler beklagt, daß sich noch zu wenige aus seiner Zunft mit der Fußballökonomie beschäftigen.

          Herr Berthold, warum interessiert sich ein Arbeitsmarktökonom für Fußballökonomik?

          Da gibt es zwei Antworten.

          Erstens?

          Wer hat nicht als Junge selbst Fußball gespielt?

          Und zweitens?

          Man würde als Ökonom zunächst annehmen, daß die Fußballindustrie eine Branche ist wie jede andere. Doch dann mußte ich schnell feststellen, daß im Fußball und im Teamsport allgemein manches anders ist als in anderen Branchen der Volkswirtschaft.

          Zum Beispiel?

          Normalerweise sagt man, daß die Märkte in Amerika freier sind als in Europa, und in vielen Fällen, etwa bei den Güter- und Arbeitsmärkten, stimmt das ja auch.

          Aber nicht beim Teamsport?

          Nein, da ist es genau umgekehrt. Wir haben in Europa beim Fußball freie Märkte mit einer großen Mobilität der Spieler. Schauen wir nach Amerika, stellen wir fest, daß die Spielermärkte sehr viel stärker reguliert sind.

          Wie?

          Zum Beispiel durch die Deckelung der Gehälter. Oder durch Regelungen, die es den schwächsten Vereinen gestatten, die besten Nachwuchsspieler zu verpflichten. Aber es kommt noch schlimmer.

          Was meinen Sie damit?

          Ich spreche von den Absatzmärkten für Spiele. Wir haben in Europa von der kleinsten bis zur höchsten Liga Auf- und Abstiegsregeln. Wer sich nicht bewährt, muß absteigen. In Amerika ist der Absatzmarkt abgeschottet. Ein Kandidat wird nur dann in eine Liga aufgenommen, wenn er viel Geld mitbringt.

          Wie erklären Sie diese Unterschiede zwischen Europa und Amerika?

          Ich sage offen, daß ich noch über keine ganz überzeugende Antwort verfüge. Die Fußballökonomik ist in Deutschland ein Forschungsgebiet, das sich erst in seinen Anfängen befindet. Aber ich denke, daß die Gewerkschaften im Fußball in Amerika eine wichtige Rolle spielen.

          Das ist auch spiegelverkehrt zu allen anderen Branchen.

          Da die Märkte in Amerika reguliert und damit monopolistischer verfaßt sind, entstehen Renten, die sich abschöpfen lassen. Das tun die Gewerkschaften. Die amerikanische Eishockey-Gewerkschaft hat die ganze vergangene Saison für die Spieler gekämpft. In Europa haben wir keine starken Gewerkschaften der Spieler. Das ist auch nicht erstaunlich: Weil die europäischen Märkte für Teamsport sehr viel wettbewerblicher sind, gibt es kaum Renten abzuschöpfen.

          Was interessiert einen Ökonomen noch am Teamsport?

          Aus der Sicht eines Arbeitsökonomen: In vielen Branchen gibt es Konflikte zwischen Unternehmen und ihren Arbeitgeberverbänden, die ein Eigenleben entwickeln. Es sind vor allem kleine Unternehmen, die den Verband verlassen. Im Fußball sind es eher die großen und nicht die kleinen Vereine, die sich vom Verband distanzieren.

          Wie reagieren Vereine und Verbände auf die neue Fußballökonomik?

          Das Interesse wächst, aber es beschäftigen sich noch zu wenige Ökonomen mit diesen Fragen.

          Die Fragen stellte Gerald Baumberger

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