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Interview : Ethikkrise: "Alle Sicherungen sind durchgeknallt"

  • Aktualisiert am

Wirtschaftsethiker Ulrich Thielemann plädiert für mehr Moral im Unternehmen Bild: privat

Amerikanische Unternehmer haben den ethischen Boden unter den Füßen verloren. FAZ.NET sprach mit einem Wirtschaftsethiker.

          5 Min.

          US-Präsident George Bush fordert einen Kapitalismus mit Gewissen und kündigt harte Sanktionen für betrügerische Manager an. Die Empörung über den Verfall der Moral ist nach Enron und Worldcom groß. Kann das Ansehen der amerikanischen Wirtschaft durch Ethik gerettet werden? Und warum haben die Unternehmenschefs ihre moralischen Grundsätze über Bord geworfen und den ethischen Boden unter den Füßen verloren?

          FAZ.NET hat darüber mit Ulrich Thielemann gesprochen. Er befasst sich als Vizedirektor des Instituts für Wirtschaftsethik der Universität St. Gallen hauptberuflich mit solchen Fragen:

          US-Präsident George Bush fordert eine „neue Ära der Rechtschaffenheit“ und eine „neue Ethik der unternehmerischen Verantwortung“. Ist es das, was der amerikanischen Wirtschaft zur Zeit fehlt?

          Da würde ich George Bush zustimmen, das fehlt tatsächlich. Die Skandale sind ja exorbitant. Ich glaube allerdings nicht, dass das Problem allein mit Ad-hoc-Maßnahmen zu bewältigen ist. Auch würde ich jetzt nicht einfach nach „mehr“ Ethik rufen, sondern nach einer anderen, neuen Ethik, die sich von altem Ballast trennt.

          Wie erklären Sie sich die Welle an Skandalen in den USA? Enron, Global Crossing, Worldcom - ist diese Häufung Zufall oder beobachten wir hier tatsächlich einen Moralverfall unter den Unternehmenschefs?

          Ich glaube nicht, dass sich die Moral so sehr geändert hat, vielmehr haben sich die Umstände geändert. Und diese Umstände - Börsenboom, New Economy, exorbitante Managergehälter - sind auf die Vorstellungen der protestantischen Ethik getroffen, die sehr tief verwurzelt ist - vor allem in den Vereinigten Staaten, aber auch in Europa. Der Kern dieser Ethik besagt: „Was Geld einbringt, muss auch ethisch gut sein.“ In Kombination mit dem Börsenboom ergab sich so eine Art wildgewordener Kapitalismus. Jeder wollte Millionär werden, möglichst rasch, möglichst den anderen zuvorkommen, und dabei war so ziemlich jedes Mittel recht.

          Dann befinden wir uns jetzt also auf dem Höhepunkt der Krise, auf dem diese Vorstellung des Reichwerdens kollabiert?

          Ja, genau. Wir haben es mit den Nachwehen zu tun. Und insofern ist das eine gewisse Chance - so traurig die Folgen und Konsequenzen auch sind - in sich zu gehen und zu fragen, nach welchen tiefverwurzelten Überzeugungen wir denn eigentlich handeln.

          Also haben die Unternehmer durch den Börsenboom den ethischen Boden unter den Füßen verloren?

          Da sind offenbar so ziemlich alle moralischen Sicherungen durchgebrannt. Man muss ja auch sehen, dass es unglaublich ist, wie schnell man mit einem kleinen Trick, etwa der Suggestion eines vielversprechenden Start-ups, plötzlich Multimillionär werden konnte. Was die Managementseite anbelangt, so halte ich die Vergütungsidee, die dahinter stand, für eine ganz eklatante Fehlentwicklung. Man hat sich gesagt: Wir Manager bringen Euch Aktionären Milliarden ein, dann könnt ihr uns doch ruhig ein paar Milliönchen rüberwachsen lassen. Je besser wir verdienen, desto besser für euch. Diese Einstellung hat wesentlich mit zur Krise beigetragen, indem sie Leute, die eher aufs eigene Konto schielten, als dass sie verantwortungsbewusst das Wohlergehen der Firma im Blick hatten, nach oben gespült hat.

          Bush fordert mehr Ethik und kündigt gleichzeitig einen handfesten Maßnahmenkatalog an, der gerade nichts mit ethischen Werten zu tun hat, sondern eher der Abschreckung dient. Kann eine ethischere Unternehmensführung so erzwungen werden?

          Die Moral ist die Bereitschaft, das ethisch Richtige zu tun, wobei das ethisch Richtige nicht unbedingt leicht zu erkennen ist, da gibt es ja Auffassungsunterschiede. Aber die Moral braucht selbstverständlich institutionelle Rückenstützen, sie braucht die Rechtsverbindlichkeit. Ich halte diese Kombination gar nicht für schlecht, dass der Präsident aufsteht und sagt, das ist ethisch falsch - das ist sehr wichtig. Und dass er gleichzeitig Rechtsverbindlichkeit herstellt und nicht nur an das Gewissen appelliert. Ohne diese Rechtsverbindlichkeit wäre der Verantwortungsbewusste ja rasch der Dumme.

          Das heißt also, die Unternehmenschefs haben sich unmoralisch verhalten - denn verbindliche Regeln gab es ja?

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