https://www.faz.net/-gqe-2rcc

Interview : „Die G7 hat sich überlebt“

  • Aktualisiert am

Norbert Walter, Chefvolkswirt der Deutschen Bank Bild: Deutsche Bank AG

Kurz vor Beginn des Weltwirtschaftsgipfels in Genua fordert Norbert Walter, Chefvolkswirt der Deutschen Bank, eine Beschränkung der Teilnehmerzahl.

          3 Min.

          Kurz vor Beginn des Weltwirtschaftsgipfels, bei dem die sieben führenden Industrienationen und Russland in Genua zusammenkommen, fordert Norbert Walter, Chefvolkswirt der Deutschen Bank, im Gespräch mit FAZ.NET eine Beschränkung der Teilnehmerzahl. „Die G7 hat sich letztlich überlebt. Es könnte nur eine sinnvolle Abstimmung geben, wenn wir dieses Treffen in ein G3-Treffen verwandeln würden“, sagte Walter.

          Sie haben den Weltwirtschaftsgipfel als Politikpalaver ohne jede Wirkung bezeichnet. Welche Rolle spielt der Gipfel heute überhaupt in der Wirtschaft?

          Seit mit Russland das achte Mitglied dazugestoßen ist, ist es in der Tat doch eher die Erörterung allgemeiner politischer Themen geworden ohne Orientierung und Konzentration auf die wirtschaftlichen Sachverhalte und ohne Schlussfolgerungen. Dadurch ist die Bedeutung des Treffens stark zurückgegangen. Es ist also kein Phänomen des Jahres 2001, sondern eines, das wir seit 1998 haben.

          Was würden Sie sich vom Gipfel wünschen? Welche Aspekte sollten diskutiert werden?

          Nach meinem Urteil sind wir in einer krisenhafteren Situation, als die Regierungschefs es derzeit einräumen. Wann immer sie sich treffen, scheint es mir, dass sie eher rosarote Brillen aufhaben. Sie sehen weder die Risiken in den Regionen deutlich genug, die sie selbst verantworten, noch die Risiken, die sich aus dem Zusammenwirken der dort repräsentierten und nicht repräsentierten Akteure ergeben.

          Kurz gefasst, Krisen in sich entwickelnden Ländern wie Türkei und Argentinien und mögliche Auswirkungen auf Brasilien, aber auch Dauerbrenner wie Indonesien, die natürlich insgesamt den IWF überstrapazieren, werden nicht erörtert. Niemand in den USA und Europa macht sich zudem wirklich grundsätzlich Gedanken über die fast ausweglose Situation, in der sich Japan befindet.

          Wie könnte der Gipfel wieder in Schwung kommen?

          Was wir brauchen, ist eine klarere Vorstellung darüber, wie wir vorgehen, wenn es in der nächsten Zeit zu einer Kumulation von Krisen kommt. Wir, die großen Industrieländer, müssen unseren Kopf freikriegen und nicht allein auf die heimischen Dinge und auf die engen nationalen Interessen schauen.

          Ich beobachte, dass sich die Berliner am liebsten mit dem Berliner Parteileben befassen und die Amerikaner am liebsten mit den Problemen in Florida. Die Verantwortung, die wir als die größten Wirtschaftsblöcke tragen, ist vollkommen aus dem Blickfeld geraten. Ich würde es gut finden, wenn man kleinkarierte Streite, wie sie derzeit in Europa stattfinden, im Interesse einer passablen Handlungsposition Europas überwinden könnte.

          Es wäre schon nötig, dass wir als Europa erkennbar eine Position entwickeln und sie auch mit Nachdruck vertreten können. Wir können den USA natürlich nicht sagen, dass sie das Kyoto-Protokoll unterschreiben sollen, wenn da Liechtenstein, Luxemburg und vielleicht noch ein Spanier auftauchen.

          Immer wieder gibt es Diskussionen um den Teilnehmerkreis am Weltwirtschaftsgipfel. Ist die Zusammensetzung aus wirtschaftlicher Sicht gerechtfertigt?

          Die G7 hat sich letztlich überlebt. Es könnte nur eine sinnvolle Abstimmung geben, wenn wir dieses Treffen in ein G3-Treffen verwandeln würden: die USA als Vertreter Amerikas, Japan als Vertreter Asiens und Europa, das sich zusammenraufen und herausfinden muss, wie es sich vertreten lassen will. Das wäre die richtige Konfiguration. Die Wechselkurse drücken das schon aus: man schaut auf den Dollar, den Yen und den Euro.

          Mit welchen Maßnahmen könnte der Gipfel dazu beitragen, die japanische Wirtschaft wieder nach vorn zu bringen?

          Niemand kommt den Japanern konstruktiv durch Vorschläge entgegen, die sowohl die strukturpolitischen Dinge, die in Japan zu verändern sind, mit den makroökonomischen Notwendigkeiten verbinden, mit denen man das vereinbaren müsste. Wenn jetzt wirklich etwas getan werden soll, um die Wirtschaft umzugestalten, bedeutet das natürlich, dass sie eine weitere wirtschaftliche Abschwächung bekommen. Man sollte den Japanern über den Wechselkurs helfen, dass sie nicht weiter in der Rezession bleiben, sprich der Yen müsste abgewertet werden.

          Auch die konjunkturelle Entwicklung in Euroland könnte besser sein. Sind hier die Gipfelvertreter in der Pflicht?

          Europa ist weit ungünstiger in dieses Jahr hineingekommen, als auch ich das gedacht habe. Die Diagnose lautet: strukturelle Hausaufgaben oft nicht gemacht und konjunkturell abgesackt. Und jetzt haben wir bei einer schwachen wirtschaftlichen Entwicklung einen vergleichsweise höheren Preisanstieg. Damit sind traditionell einfache Maßnahmen der Geldpolitik verbaut.

          Denn würde eine Zentralbank in einer Situation die Zinsen senken, in der die Inflationsrate einen guten Punkt höher ist, als sie eigentlich zulassen will, könnte das von den Akteuren so interpretiert werden, dass sie kein Interesse mehr an ihrem Inflationsziel hat. Das würde zu falschen Schlussfolgerungen beim Preisverhalten von Unternehmen und beim Lohnverhalten von Gewerkschaften mit dem Ergebnis führen, dass die überhöhten Inflationsraten, die wir derzeit beobachten, sich dann perpetuieren. Das wäre eine Katastrophe.

          Wir befinden uns momentan in einer konjunkturellen Situation, die Zinssenkungen erfordert. Aber wegen des fehlenden Verständnisses für Zusammenhänge bei den Akteuren können wir den eigentlich notwendigen Schritt nicht durchführen. Es wäre gut, wenn wir uns jetzt leisten könnten, sowohl die Zinsen in Europa zu senken als auch Investitionsanstrengungen zu vergrößern.

          Weitere Themen

          Superhelden auf Starkstrom

          Rugby-Wahnsinn in Japan : Superhelden auf Starkstrom

          Japan feiert seine Rugby-Nationalmannschaft als sportliche Offenbarung, aber auch als Katalysator des gesellschaftlichen Wandels. Bei der WM im eigenen Land könnte nun etwas ganz Großes gelingen.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.