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Interview : "Deutschland vor neuem Elend"

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Streitbarer Soziologe: Ralf Dahrendorf Bild: dpa

Lord Dahrendorf kritisiert die Gewerkschaften und sieht das Ende der Arbeitsgesellschaft. Interview (2).

          4 Min.

          Lord Ralf Dahrendorf gilt als einer der wichtigsten liberalen Vordenker Europas. Neben der akademischen Laufbahn, die den Soziologen unter anderem an die Spitze der renommierten „London School of Economics“ führte, war Dahrendorf lange Jahre auch als Politiker, Publizist und Ökonom tätig. Während der ganzen Zeit seines öffentlichen Wirkens blieb der 72-Jährige, der 1988 die britische Staatsbürgerschaft annahm, wissenschaftlich wie publizistisch einer der wichtigsten Vertreter der liberalen Staats- und Gesellschaftstheorie in Europa.

          Seit längerem beschäftigt sich Dahrendorf mit der Zukunft der Arbeitsgesellschaft. „Es gibt genug zu tun, aber die Gesellschaft kann nicht mehr durch Beschäftigung definiert werden", sagt der Soziologe. Daneben äußert sich Dahrendorf im FAZ.NET-Interview zur Tarifpolitik der Gewerkschaften, dem Verschuldungsdilemma des Staates sowie zu den Grenzen des Shareholder-value in Deutschland.

          Lord Dahrendorf, die IG Metall fordert einen kräftigen Lohnschub. Übertreiben die nicht ein bisschen?

          Das ist eine plausible Forderung. Die deutschen Gewerkschaften kämpfen aber nur für die Beschäftigten. Was immer sie auch sagen, sie interessieren sich nicht für die Arbeitslosen. Wer sich wirklich für die Arbeitslosen interessiert, der muss erkennen, dass es den deutschen Beschäftigten immer besser geht und dass es, aus englischer Sicht, hier in Deutschland immer noch gut bezahlte Arbeitslose gibt.

          Höhere Löhne sind nach dieser Logik weniger volkswirtschaftlich relevant, sondern eher sozial. Wenn höhere Löhne bedeuten, dass Unternehmen sich nur noch ein Minimum an Beschäftigten leisten - dann haben die höheren Löhne einen sozialen Nebeneffekt, der Kosten verursacht.

          Sind die hiesigen Leistungen für Arbeitslose zu hoch?

          Dieses Land hat eine komische Entscheidung getroffen. Nämlich, die Beschäftigten zu relativem Wohlstand zu führen, und gleichzeitig dafür zu bezahlen, dass auf diese Weise eine ganze Menge Leute arbeitslos sind. Viele deutsche Arbeitslose stehen besser da als britische Niedriglohnempfänger. Niedriglohnjobs werden auch nicht so nachgefragt. Ein Schuhputzer in Deutschland würde wohl eher beschimpft denn genutzt.

          Die deutschen Arbeitsmarktregeln sind das Ergebnis eines historischen Prozesses. Ist jetzt alles falsch, was früher richtig war?

          Nein, ich glaube beispielsweise, dass die Ermutigung zur geografischen Wanderung durch den Arbeitsmarkt wenig erstrebenswert ist. Der Preis, das eigene Zuhause aufzugeben, ist doch sehr hoch. Ich wünsche mir größere Flexibilität in den Formen der Beschäftigung und vor allem die Möglichkeit der 630 Mark-Jobs schiene mir schon eine wünschenswerte Form zu sein.

          Was halten Sie von dem Vorschlag, Löhne auf betrieblicher Ebene zu verhandeln?

          Das wäre positiv. In Frankreich ist es geschehen.

          Aber Unternehmen haben die Möglichkeit, ihre Betriebsgewinne klein zu rechnen, um damit die Angestellten zu übervorteilen?

          Das ist in der Tat möglich, aber ich sehe keine Möglichkeit ohne Schädigung der Unternehmenschancen in diesen Prozess einzugreifen. Man muss es in Kauf nehmen. Sonst gehen Entwicklungschancen verloren.

          Die Reallöhne der Arbeitnehmer stagnieren seit Jahrzehnten. Die Unternehmensgewinne explodieren nach oben. Schafft das soziale Friktionen in Deutschland?

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