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Interview : Beste Geschäfte im Pleitensegment

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3U Telecom-Vorstand Graul: Gewinne im schwierigen Call-by-call Markt Bild: Graul

Keine Werbung, kaum Personal - 3U Telecom verdient gerade deshalb Geld im schwierigen Call-by-call Geschäft. Interview.

          3 Min.

          Der Call-by-call-Markt gilt als pleitenträchtig. Gigabell, Star Telecom, Teldafax - diese und andere Anbieter mussten Konkurs anmelden. Dass man in diesem Segment aber auch Geld verdienen kann - selbst wenn die Margen sehr eng werden - das zeigt der Telefondienstanbieter 3U Telecom.

          Der Eschborner Konzern schreibt seit Markteintritt als einziger alternativer Anbieter in Deutschland schwarze Zahlen. Im FAZ.NET-Gespräch beschreibt der Vorstandsvorsitzende Udo Graul seine Erfolgsstrategie. Eine lautet: „Wir halten nicht viel von teuren Werbekampagnen - Aufwand und Ertrag stehen in keinem Verhältnis!“

          Herr Graul, Konkurrenten wie Gigabell, Callino, Star Telecom, Teldafax gehen pleite - ihr Unternehmen hingegen schreibt schwarze Zahlen - was haben Sie mit 3U Telecom richtig gemacht?

          Wir sind spät in den Markt eingetreten und konnten deshalb vom technologischen und wirtschaftlichen Fortschritt profitieren. Wir haben die modernste Vermittlungstechnik, die extrem kostengünstig, wartungsarm und trotzdem robust ist - eine solche Technologie war vor 1999 noch gar nicht auf dem Markt. Wir waren auch die ersten, die ihr komplettes Netz nicht bei der Deutsche Telekom gemietet haben, sondern bei wesentlich kostengünstigeren Anbietern. Dadurch sind die Fixkosten niedrig, und wir konnten den Margenverfall bei Call-by-call-Gesprächen gut verkraften.

          In ihrem Geschäftsbericht heißt es, Expansion bezahle 3U aus dem Cashflow, der Emissionserlös aus dem Börsengang liege noch vollständig auf der Bank - 3U der Musterknabe am Neuen Markt?

          Eigentlich sind wir an die Börse gegangen, um die Europaexpansion zu finanzieren. Doch wir brauchten das Geld bisher noch nicht, weil wir von den fallenden Preisen auf der Einkaufsseite profitieren. Die Glasfaserstrecken sind immer billiger geworden, gleichzeitig hat sich die Kapazität einer einzelnen Glasfaser extrem erhöht. Sie können jetzt über eine Faser so viele Gespräche leiten, wie auf der ganzen Welt gleichzeitig anfallen. Das knappe Gut Bandbreite ist mittlerweile ein fast unbegrenztes Gut geworden, und das drückt die Preise. Die Miete für unser Backbone in ganz Europa kostet so viel, wie wir früher für eine Strecke im Citynetz Frankfurt bezahlt haben.

          3U betreut rund 1,3 Millionen Kunden in Deutschland mit nur zwölf Mitarbeitern. Wie geht das?

          So viele sind es gar nicht für Deutschland, die zwölf Mitarbeiter betreuen auch die Märkte in Österreich, der Schweiz und Holland, wo wir schon auf dem Markt sind, und die in Italien und Frankreich, wo wir voraussichtlich noch in diesem Monat starten. Das Ganze ist kein Hexenwerk, man muss logisch denken und die technologischen Möglichkeiten konsequent umsetzen. Aber natürlich, bei der Konkurrenz arbeiten viel mehr Menschen an derselben Aufgabe.

          Sie tauchen so gut wie nie in der Werbung auf - warum?

          Unser Marketingkonzept beinhaltet, dass wir keine Werbung machen. Wir bieten ein gutes Produkt zu fairen Preisen und tauchen deshalb bei Tarifvergleichen in Zeitschriften und dem Internet regelmäßig ganz oben auf. Wir sind mit derzeit 8,9 Pfennig pro Minute zwar nominal teurer als manch Anderer, doch da wir sekundengenau abrechnen sind wir realiter mit die billigsten Anbieter. Und das spricht sich rum. TV-, Radio- und Printwerbung lohnt sich nicht - der Aufwand steht in keinem Verhältnis zum Ertrag.

          Was ist ihr mittelfristiges Geschäftsziel?

          Wir glauben schon, dass wir unter die ersten vier in Deutschland kommen. Es ist gerade eine ganz entscheidende Phase, in der viele Mitbewerber die Preise erhöhen und trotzdem noch Verluste machen. Da werden noch viele vom Markt verschwinden. 3U Telecom ist da das einzige Unternehmen, das schwarze Zahlen schreibt, und wir können uns deshalb zurücksetzen und warten was passiert.

          Stichwort Aktienkurs. Auch die 3U-Aktie ist ziemlich eingebrochen. Sehen Sie ihr Unternehmen jetzt als fair bewertet an?

          Wir sehen die Aktie als unterbewertet an, weil, bei der derzeitigen Bewertung unser operatives Geschäft gar nichts wert ist. Auch die Chancen unserer Expansion sind im Kurs nicht berücksichtigt. Wir haben unser eigenes Netz im Ausland und sind bei der Gesprächsvermittlung nicht auf andere Carrier angewiesen.

          Ab 2003 gibt es Call-by-call auch im Ortsnetz. Wird das ein interessanter Markt?

          Das hängt vom Interconnection-Preis ab, den wir an die Deutsche Telekom abführen müssen. Ist der verträglich, dann erleben wir eine ähnliche Entwicklung wie zuvor schon im Bereich Fern- und Auslandsgespräche. Es könnte sogar noch dramatischer werden, weil der Großteil der Telefongespräche immer noch im Nahbereich stattfindet.

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