https://www.faz.net/-gqe-9a31u

Interview zur Pflege : „Roboter am Krankenbett? Mir gruselt’s!“

Ein Krankenpfleger schiebt eine Patientin im Krankenbett durch das Helios Klinikum Berlin-Buch. Bild: Andreas Pein

Ingrid Hofmann bildet seit dreißig Jahren Krankenschwestern aus. Ein Gespräch über den Pflegenotstand in Deutschland.

          Frau Hofmann, Sie sind seit 1974 Krankenschwester. Können Sie den Beruf jungen Leuten guten Gewissens empfehlen?

          Sebastian Balzter

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Ja, absolut! Ich bin nach wie vor überzeugte Krankenschwester.

          Das heißt, Sie verdienen schlecht, ackern Tag und Nacht, haben’s im Rücken und sind täglich mit Tod und Elend konfrontiert...

          Das ist das miese, einseitige Bild, das überall verbreitet wird. Dadurch ist der Beruf in so eine Abwärtsspirale gekommen. Ein großes Problem ist, dass uns ein angemessener Status fehlt. Deshalb fehlen uns heute in den Krankenpflegeschulen die Auszubildenden und in den Krankenhäusern die Fachkräfte. Mit Geld allein lässt sich das nicht ändern.

          Im Durchschnitt verdienen Krankenpfleger 3000 Euro brutto im Monat. Ist das genug?

           Es müsste natürlich mehr sein, vor allem in den Ballungsgebieten, wo die Lebenshaltungskosten hoch sind. Aber es ist auch nicht grottenschlecht. Man kann mit Sonderzulagen, etwa für Dienste zu ungünstigen Zeiten, durchaus über 2000 Euro netto im Monat kommen.

          Dafür schuften die Pfleger dann aber auch rund um die Uhr.

          Die Arbeitszeiten sind nicht so schlecht. Man arbeitet zwar im Schichtdienst, aber das ist nicht nur ein Nachteil. Für jedes gearbeitete Wochenende gibt es ja zum Ausgleich freie Tage unter der Woche. Und wer im Spätdienst arbeitet, kann am Abend vorher länger etwas unternehmen und am nächsten Tag vor der Arbeit ausschlafen. Das ist gerade für die Auszubildenden manchmal ganz praktisch.

          Portrait von Ingrid Hofmann, Leiterin der Krankenpflegeschule des Markus Krankenhauses in Frankfurt.

          Darf man eine Pflegerin – die Mehrzahl der Pflegekräfte ist weiblich – eigentlich noch als Schwester anreden?

          Ich finde die Anrede nicht mehr zeitgemäß, sie stammt aus einer Epoche, in der die Pflege noch nahe dran war am christlichen Dienstverständnis der Ordensschwestern. Aus diesem Grund hat man sich 2003 per Gesetz von der Berufsbezeichnung verabschiedet. Keine andere Berufsgruppe würde sich doch mit Vornamen anreden lassen! Aber ich habe dazu die Schüler im Unterricht debattieren lassen. Und die jungen Leute empfinden das meistens überhaupt nicht als ein Problem. Im Gegenteil, die finden es toll, wenn sie sich mit einem jungen Arzt auf der Station duzen können. Dass der nächste sich vielleicht wieder mit „Herr Doktor“ anreden lässt und sie nur mit dem Vornamen anspricht, bedenken sie nicht.

          Die Hierarchie im Krankenhaus ist klar. Ärzte oben, Schwestern unten...

          Das war früher noch viel heftiger, im persönlichen Umgang hat sich da viel getan.

          Wie kommt es dann, dass sich der Abstand bei der Bezahlung in den vergangenen zehn Jahren sogar noch vergrößert hat? Die Zuwächse bei den Ärzten waren doppelt so hoch.

          Die Ärzte haben eine Lobby, wir nicht. Die Pflegekräfte haben immer noch nicht richtig gelernt, für ihre Interessen einzustehen. Auch weil der Beruf lange Zeit eigentlich gar nicht als richtiger Broterwerb galt, sondern als etwas, das christliche Frauen aus Nächstenliebe zu tun hatten. Das hat die Pflege lange ausgebremst. Eine einigermaßen vernünftige Bezahlung kam erst weit nach den fünfziger Jahren zustande. Und bis heute sind wir nicht gut organisiert, Gewerkschaften und Berufsvertretungen spielen nur eine geringe Rolle.

          Sparen die Krankenhäuser deshalb immer zuerst an der Pflege?

          Moment, das stimmt so nicht. Die Krankenhäuser würden ihre Pflegestellen schon gerne allesamt besetzen. Aber sie finden kein Personal. Darum geht es, wenn wir vom Pflegenotstand reden.

          War das in Ihrer Berufslaufbahn jemals anders?

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.