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Interview : „Angepasste Opportunisten haben keine Chance“

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Zukunftsforscher Matthias Horx: „Technologieprodukte müssen einfacher werden” Bild:

Nach dem Trend der Gegentrend. Immer mehr Menschen wollen weniger Technologie und mehr direkte Kommunikation.

          5 Min.

          Die Kommunikationstechnologien sind zu kompliziert, die Menschheit überschätzt die Gefahr von BSE und MKS, und Studienanfänger sollten sich bei ihrer Wahl der Ausbildung von ihren Interessen leiten lassen. Das sagt der Zukunftsforscher Matthias Horx im FAZ.NET-Gespräch. Der Leiter des Frankfurter Zukunftsinstituts geht davon aus, dass Arbeitgeber sich zukünftig deutlich mehr um ihre Angestellten bemühen müssen.

          Hightech macht alles schneller und einfacher. Stimmt die These, oder ist die Verwaltung von PC- und Handysoftware nicht immer komplizierter und zeitaufwendiger?

          Die Computer verursachen durch immer mehr Spielereien einen immer höheren Wartungsaufwand, der ins Astronomische ansteigt. Dies ist auch ein Teil der Krise, die die Computertechnologie derzeit erlebt: Der Verkauf stagniert, und die Konsumenten sind zurückhaltend gegenüber neuen Technologien. Deshalb haben wir den Begriff der Smart-Technology entwickelt, also einer Technologie, die nicht wartungsintensiv sondern leicht erklärbar ist und die dann wahrscheinlich auch weniger Funktionen haben wird.

          Befinden wir uns denn wirklich auf diesem Weg?

          Gerade SMS ist ein gutes Beispiel. Man muss zwar ein paar Dinge lernen, um es eingeben zu können, dennoch hat es die Einfachheit einer Buschtrommelmitteilung. Das Einfache setzt sich gegenüber dem Komplizierten durch. Denken Sie nur an das von den Utopisten versprochene Bildtelefon: Da muss man seine Wohnung, sein Aussehen und sein Verhalten kontrollieren. Dabei ist doch gerade das Schöne am telefonieren, dass man dabei unbeobachtet in der Nase bohren kann. SMS ist ähnlich - es reduziert Präsenz und ist eine einfach Applikation. Es ist noch eine Weile hin - aber der Markt wird das zeigen: Die Menschen lassen sich nicht mehr wie beim angeblich bedienerfreundlichen PC vergackeiern.

          PC und Informationstechnologie können ihrer Meinung nach die Produktivität in den Unternehmen nicht mehr erhöhen. Warum?

          In einer ersten Phase, in den neunziger Jahren, gab es relativ einfache Produktivitätsgewinne, weil dies über die Zentralisierung von Datenerfassung bewerkstelligt wurde. Mit der Komplexität des Wissens steigt jedoch die Notwendigkeit, Informationstechnologie auch sozial ins Unternehmen zu integrieren, und das ist die eigentlich schwierige Aufgabe: Leute zu motivieren, IT zu benutzen für eine höhere Komplexität und Verdichtung von Gruppenprozessen. Firmeninterne Server und Intranets haben dazu geführt, dass die Mitarbeiter ihre Notizen dort abgelegt haben und nicht mehr miteinander gesprochen haben - daraus ist ein heilloses Chaos entstanden. Es geht hier weniger um Technologie, sondern um menschliche Aspekte. Eine Verbindung von aus Hightech und Hightouch. Wie im Alltag muss man sich aus der Fülle der technischen Möglichkeiten das aussuchen, was dann wirklich eine Erleichterung ist.

          Dem Hightech-Trend folgt der Gegentrend?

          Das gleiche ist ja beim Auto passiert. Die ersten Autos waren relativ schnell. Bald hat man aber gemerkt, dass viele Unfälle bei Geschwindigkeiten über 20 km/h tödlich ausgingen. Es gab ja auch keine Straßen, auf denen man vernünftig fahren konnte. Bei IT ist das ähnlich: Die Verkabelungen sind zum Teil noch vorsintflutlich. Einen Spielfilm herunterzuladen dauert zwei Tage! Wir befinden uns in einer Phase von „Gadget Mania“, bei der wir uns damit beschäftigen, viele Kleininstrumente aufeinander abzustimmen. Viele Leute werden bei diesem Teufelsspiel die Lust verlieren und wieder aussteigen. In Amerika gibt es eine Bewegung, offline zu gehen und sich in den persönlichen Bereich zurückzuziehen. Erst in einer nächsten Phase wird das Internet2 einerseits eine größere Datenbandbreite möglich machen, andererseits haben wir dann gelernt haben, smartere Endgeräte zu erfinden.

          Rentenproblematik, BSE, MKS - man glaubt mittlerweile, eine Katastrophe jagt die andere. Sind wir nach Ansicht der Zukunftsforscher eine panische Gesellschaft?

          Seuchen waren immer schon Bestandteil der Menschheitsgeschichte - die Reaktionen darauf waren lediglich andere. Jede Zeit erzeugt ihre Euphorien, heute ist das der IT-Boom; sie erzeugt aber auch ihre paranoiden Systeme. Fatal ist nur, dass eine Gesellschaft, die die realen Risiken nicht bemessen kann, auf Dauer lebensunfähig wird. So ist zum Beispiel ist die Chance, an Rinderwahnsinn zu erkranken eine Million mal geringer als von einem Auto überfahren zu werden. Das ist die Gefahr der panischen Gesellschaft.

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