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Interview : „Aktionäre haben die Nase voll“

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SdK-Vorsitzende Keitel: „Aktienkultur hat riesigen Schaden genommen” Bild: Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre e.V.

In Frankfurt tagte heute die Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre. Der Verband fordert mehr Transparenz und Verlässlichkeit. Interview.

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          Keine gute Zeit für Börsianer. Das Vertrauen in die Unternehmenszahlen ist erschüttert, die Wachstumsaussichten sind schlecht und die Kurse sind im Keller. Viele Kleinanleger haben viel verloren, sei es aus eigener Schuld, sei es aufgrund von windigen Vorständen, die vor allem am Neuen Markt für viel Frust sorgten.

          Viel Arbeit also für die Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre (SdK). An diesem Dienstag präsentiert die Organisation ihren Jahresbericht. FAZ.NET sprach im Vorfeld mit der SdK-Vorsitzenden Reinhild Keitel.

          Frau Keitel, was raten Sie Kleinanlegern? Finger weg von Aktien in der derzeitigen Marktphase?

          Man kann nicht sagen, dass man prinzipiell keinerlei Aktien mehr kaufen sollte. Die Rahmenbedingungen müssen aber geändert werden, damit die Menschen wieder Aktien kaufen.

          Welche gesetzlichen Rahmenbedingungen in Deutschland bedürfen da einer Änderung oder Ergänzung, um für mehr Transparenz zu sorgen?

          Es müssen bestimmte Informationen den Anlegern besser und eher gegeben werden. Eine bessere Verlässlichkeit bei Wirtschaftsprüfern ist ebenfalls nötig. Wirtschaftsprüfer dürfen nicht auch noch umfangreiche Beratungstätigkeiten für das selbe Unternehmen machen, weil sonst Abhängigkeiten entstehen.

          Und die Jahresabschlüsse sollten gegebenenfalls von der Bundesanstalt für Finanzaufsicht geprüft werden können, ganz nach dem Vorbild des Bundesaufsichtsamts für Kreditwesen, das ja auch, wenn Anhaltspunkte vorliegen, bei Kreditinstituten eine Prüfung vornehmen darf. Diese Aufsicht sollte auf alle Branchen ausgeweitet werden.

          Anleger, die sich geprellt fühlen, haben gerichtlich kaum eine Chance, und überhaupt: Der Vorstand kann für kriminelles Verhalten selten persönlich haftbar gemacht werden.

          Wenn ein Unternehmen in Deutschland zu Schadenersatzzahlungen verurteilt würde, dann müsste der Betrag aus der Unternehmenskasse bezahlt werden. Die Aktionäre würden also zweimal bestraft. Und das ist nicht gut. Wir brauchen eine gesetzliche Regelung, nach der die Chefs persönlich haften. Es gibt ja mittlerweile auch die so genannten D&O-Versicherungen für Organmitglieder, mit denen sich Vorstände sich über eine Police gegen solche Fälle absichern können. Allerdings sollte in der Versicherungspolice auch eine Eigenbeteiligung der Manager geregelt werden.

          Wir erleben eine Baisse und gleichzeitig einen Vertrauensschwund der Anleger in die Bücher der Aktienunternehmen. Nimmt die junge Aktienkultur in Deutschland Schaden?

          Ja, und das ist das Schlimme. Wie das Deutsche Aktieninstitut kürzlich mitteilte, haben sich innerhalb von zwölf Monaten zehn Prozent aller Fonds- und Aktiensparer in Deutschland von ihren Titeln getrennt. Das sind sehr viele und zeigt, wie sehr Aktionäre die Nase voll haben.

          Privataktionäre fühlen sich hilflos. Warum segnen Großinvestoren wie die Fondsgesellschaften horrend hohe Vorstandsgehälter wie bei der Deutschen Telekom ab?

          Das verstehen wir auch nicht. Nur die Fondsgesellschaft Union Investment hat sich bei der Telekom wenigstens der Stimme enthalten. Dass die Mehrheit der Fonds diese Aktienoptionsprogramme abgesegnet hat, liegt nicht im Interesse der Fondsanleger. Deren Interessen müssen sie künftig besser wahren.

          Die Vergleichbarkeit von Unternehmensergebnissen ist schwer. In den Adhoc-Mitteilungen gibt es viele Gewinne auf Pro Forma- und Ebitda-Basis.

          Durch das Vierte Finanzmarktförderungsgesetz müssen die Kennzahlen nun zumindest einen periodischen Vergleich der Ertragskraft erlauben. Das erlaubt den Performancevergleich eines Unternehmens. Die Vergleichbarkeit zwischen einzelnen Unternehmen wäre auch wünschenswert. Doch da muss erst der Gesetzgeber generelle Vorgaben zur Ebitda-Berichterstattung machen.

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