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Internet : Wissen selbst gemacht

Bild: Wikipedia

Rund um den Globus schreiben Stubengelehrte an einem neuen Online-Lexikon. Das Ergebnis heißt Wikipedia und kostet - nichts. Brockhaus ist alarmiert.

          Jimmy Wales wartet wieder auf neue Netzwerkrechner. Zehn Server sollen ins Rechenzentrum in Tampa/Florida geliefert werden. Das Gebäude beherbergt das technische Herz für einen Internetdienst, der wie kein anderer an Popularität gewonnen hat: das Online-Lexikon Wikipedia.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Die Server braucht der Gründer von Wikipedia, weil die Internetseiten unter der Last der rasant steigenden Nutzerzahl erlahmen. Allein in den vorigen zwei Monaten habe sich die Zahl der weltweiten Seitenzugriffe auf 300 Millionen im Monat verdoppelt, bis zum Frühjahr kommenden Jahres will Wales eine Milliarde Zugriffe im Monat erreichen.

          Wikipedia ist ein Gratis-Dienst, und das Konzept klingt haarsträubend: Der Inhalt kommt nicht von Redakteuren oder Wissenschaftlern wie bei bekannten Anbietern der Nachschlagewerke Brockhaus oder Encyclopaedia Britannica. Vielmehr wird das Lexikon von den Nutzern der Seiten selbst bestückt, jeder Besucher kann neue Stichwörter hinzufügen oder Einträge verändern.

          In schnellen Schritten aufschließen - eben: „wiki, wiki“

          Die Idee dazu kam Wales, als er mit dem Betriebssystem Linux zu tun hatte. Eine weltweite Gemeinde von Anhängern der Linux-Software, deren Quellcode offen verfügbar ist, arbeitet an der ständigen Verbesserung des Systems. Dieses freizügige Konzept hat das Lexikon schnell anschwellen lassen. Die seit Anfang 2001 bestehende englischsprachige Seite hat mittlerweile 386.000 Artikel, auf der deutschen Seite, der zweitgrößten in der Welt, finden sich 160.000 Einträge, und die Zahl wächst täglich um 400 bis 500.

          Wikipedia nähert sich damit in schnellen Schritten der Brockhaus-Enzyklopädie, die auf mehr als 200.000 Artikel kommt. Das Lexikon gibt es in hundert Sprachen, sogar in Alemannisch und Plattdeutsch. Der ungewöhnliche Name kommt vom hawaiianischen Ausdruck für "schnell", "wiki wiki".

          „Zu jedem Zeitpunkt kann auf Wikipedia Unsinn stehen“

          Der Haken an der Politik der offenen Tür ist die Anfälligkeit für Fehler, sei es durch Vandalismus oder Unwissen. Wales hat Wikipedia daher als selbstheilenden Organismus konzipiert: Vorgenommene Veränderungen können auf den Seiten abgerufen werden, und eine Gruppe besonders aktiver Wikipedia-Nutzer wacht über den Wahrheitsgehalt und entfernt Fehler. Laut einer Studie von IBM verschwinden absichtliche Falschinformationen meistens binnen fünf Minuten. Trotzdem gibt Wales zu: "Zu jedem Zeitpunkt kann auf Wikipedia Unsinn stehen."

          Was sind das für Leute, die an dem Online-Lexikon mitschreiben? "Lauter ,geeks' so wie ich", meint Wales. "Geeks" sind Menschen mit einem unstillbaren Informationsdurst - Datenhungrige, Streber oder Stubengelehrte. Wales nennt seine Wikipedianer eine "sehr intellektuelle Truppe". Professoren, Studenten und Computerfreaks bildeten die wichtigsten Autorengruppen.

          Lexikon mit Stärken und Schwächen

          Dennoch bestehe keine Gefahr, daß die Seite weltfremd ausfallen könnte: "Wir sind auch bei Popkultur gut vertreten. Unser Beitrag zu Britney Spears ist umfassend." Die größten Stärken von Wikipedia sieht Wales dennoch in Informationstechnologie, Wissenschaft oder aktuellem Zeitgeschehen. Schwächen zeigt Wikipedia in der Kunst.

          Hinter Wikipedia steht eine gemeinnnützige Stiftung. Die Organisation hat keine festangestellten Mitarbeiter, die Kosten deckt Wikipedia über Spenden und aus dem Vermögen des Gründers. Der 38 Jahre alte Wales hat als Wertpapierhändler in den neunziger Jahren sein Glück gemacht, 500000 Dollar hat er bisher in das Projekt gesteckt. Der gemeinnützige Hintergrund ist nach den Worten von Wales entscheidend für die Motivation der Wikipedia-"Community" und damit für den Erfolg der Seite.

          Eine ernste Bedrohung für Lexikon-Verlage

          Die Lexikon-Verlage sehen Wikipedia als ernste Bedrohung für ihr Geschäft, gibt Brockhaus-Vorstand Ulrich Granseyer zu. Trotzdem stellt er den Brockhaus als das überlegene Angebot dar: "Auf unsere Informationen kann sich der Leser auf jeden Fall verlassen, sie sind auf Herz und Nieren geprüft."

          Den eigenen Verkaufszahlen hat Wikipedia nach Aussage von Granseyer bislang nicht geschadet. Er hält an der Prognose fest, wonach Brockhaus den Umsatz von 61,5 Millionen Euro aus dem vergangenen Jahr um mehr als 20 Prozent steigern will.
          Jimmy Wales zeigt sich mit Blick auf die Konkurrenz angriffslustig und meint, daß die auf gedruckte Produkte fixierten Verlage unter Druck geraten: "Sie werden es schwer haben, ihr traditionelles Modell fortzusetzen", sagt er. Andererseits kann sich Wikipedia Kooperationen mit den Verlagen vorstellen.

          Brockhaus sieht keine Ansatzpunkte für Kooperationen

          Arne Klempert, Sprecher für die deutsche Wikipedia-Seite, nennt ein Szenario, wonach Brockhaus für künftige Auflagen Wikipedia-Informationen als eine Art Rohstoff benutzen könnte, der überarbeitet und angereichert wird. Brockhaus-Manager Granseyer sperrt sich auch nicht grundsätzlich gegen eine Kooperation, sieht allerdings keine Ansatzpunkte.

          Wikipedia unternimmt erste Versuche, den Service zu kommerzialisieren, wegen des "Community"-Gedankens aber sehr behutsam. Werbung auf den Internetseiten von Wikipedia kann sich Wales so lange nicht vorstellen, wie er Geld aus anderen Quellen bekommen kann. Dafür sei es denkbar, geprüfte Versionen des Online-Lexikons auf Datenträgern wie CD-Roms zu vertreiben. In Deutschland gibt es seit kurzem eine Wikipedia-CD-Rom im Buchhandel, die für 3 Euro zu haben ist.

          Die Online-Familie: Wikipedia, Wikia, Wikiquote, Wiktionary

          Mehr auf Kommerz ausgerichtet hat Wales sein Nebenprojekt Wikia, ein sogenanntes Open Directory. Diese Seite arbeitet nach einem ähnlichem System wie Wikipedia, auch hier bündeln Menschen ihr Wissen, indem sie Links im Internet sammeln und nach Themen katalogisieren. Auf der Wikia-Seite kann sich Wales auch Werbung vorstellen. Ansonsten hat Wales die Gemeinschaftsidee auf weitere gemeinnützige Projekte ausgedehnt, darunter das Wörterbuch Wiktionary und die Zitatesammlung Wikiquote.

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