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Hannover Messe : Die vernetzte Produktion ist da

Evolutionssprung: Dampfkraft, Fließband, Elektronik - und jetzt kommt die Industrie 4.0 Bild: dpa

Immer mehr Roboter arbeiten mit in den intelligenten Fabriken der Zukunft. Wir, die Beschäftigten, müssen davor keine Angst haben.

          Die Chance ist groß. In den kommenden fünf Tagen werden fast eine viertel Million Besucher aus hundert Ländern zur Hannover Messe kommen. Dort werden sie in Ansätzen die Fabrik von morgen sehen, in der die Vision „Industrie 4.0“ Wirklichkeit wird. Vor vier Jahren tauchte der Begriff „Industrie 4.0“ erstmals auf der Hannover Messe auf. Die Deutsche Akademie für Technikwissenschaften hatte ihn kreiert.

          Er sollte signalisieren, dass die Industrie eine Veränderung vor sich hat, die vergleichbar ist mit der Mechanisierung durch Dampfkraft Ende des 18. Jahrhunderts (Industrie 1.0), der Massenfertigung mit Hilfe von Elektrizität und Fließbändern zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts und schließlich der Automatisierung durch Elektronik Ende der sechziger Jahre. Vor zwei Jahren startete die von den Branchenverbänden des Maschinenbaus, der Elektrotechnik und der Informationstechnik gegründete „Plattform Industrie 4.0“. Sie soll definieren und konkretisieren, was die vierte industrielle Revolution bedeutet. Das Ziel ist die intelligente Fabrik, die in sich und mit Kunden und Lieferanten vernetzt ist. Anlagen und Werkstücke werden internetfähig.

          In diesem Jahr wird auf der Hannover Messe erstmals deutlich, was auf die Fabriken und damit auf die Arbeitswelt zukommt. Was in den vergangenen Jahren Vision war und sich dann in ersten Einzelprojekten andeutete, findet in diesem Jahr in einsetzbaren Anlagen seinen Ausdruck. Selten hat eine technische Entwicklung so schnell um sich gegriffen. Auch diese zunehmende Entwicklungsgeschwindigkeit ist Teil der neuen industriellen Welt. Entwicklungen, die früher Jahre in Anspruch nahmen, dauern heute wenige Monate.

          Das können immer seltener Einzelunternehmen bewältigen. Daher sind neue Produkte und Prozesse zunehmend das Ergebnis von Kooperationen, auch solchen über traditionelle Unternehmens- und Branchengrenzen hinweg. Dass inzwischen eigentlich auf Computermessen beheimatete Unternehmen wie Microsoft, Cisco oder SAP große Aussteller auf der Industriemesse in Hannover sind, zeigt das Zusammenwachsen von Informationstechnik und klassischem Anlagenbau. Künftig ist keine Maschine mehr denkbar ohne Programmierung. Aber die Programmierung nutzt nichts, wenn nicht am Ende auch brauchbare Produkte dabei herauskommen.

          Internationales Niveau: deutsche Technik

          Internetunternehmen wie Google haben das erkannt und kaufen sich Hersteller von Robotern, Drohnen oder haustechnischen Anlagen. Aber Google & Co. sind weniger an den Produkten als vielmehr an den Daten interessiert, die sich aus diesen Produkten generieren lassen. Marktmacht wird künftig der entfalten, der Daten erhebt, auswertet und aus ihnen neue Geschäftsideen generiert. Hier haben viele deutsche Hersteller noch Nachholbedarf – und auch berechtigte Angst vor der Konkurrenz durch amerikanische Internetfirmen.

          Verstecken müssen sich die deutschen Unternehmen dennoch nicht. Diese Hannover Messe zeigt, dass Deutschland sowohl das Thema „Industrie 4.0“ als auch die Energiewende technisch nicht fürchten muss. In beiden Fällen wird Deutschland international als das Labor betrachtet, in dem vorgedacht und vorgemacht wird, was in anderen Regionen nachvollzogen werden wird. Deutschland hat die reelle Chance, seine Stellung als größter Industrieausrüster der Welt auch in der vernetzten Wirtschaft zu halten und sogar auszubauen. Das ist auch für die Beschäftigten hierzulande eine gute Botschaft. Sie müssen die Vernetzung der Fertigung und den damit verbundenen erhöhten Einsatz von Robotern nicht fürchten. Beides schafft mehr Arbeitsplätze, als es vernichtet.

          Die zu Recht so genannte Revolution muss aber noch in ihrer ganzen Dimension erkannt werden, die weit über das rein Technische hinausgeht. Sie bedarf der politischen Rahmensetzung, der sozialen Begleitung und der Untermauerung durch Bildung. Die Politik muss festlegen, wie in der Datenwolke die Eigentumsrechte geregelt sind, die Sozialpartner müssen neue Arbeitsplätze beschreiben und Berufswege definieren, die Schulen müssen die Jugend an die neue Arbeitswelt der digitalen Vernetzung heranführen.

          Dieser Umbruch wird, wie frühere Umbrüche auch, nicht ohne Friktionen abgehen. Es werden Menschen ihren Arbeitsplatz verlieren und sich nicht mehr auf einen neuen einstellen können, es werden Unternehmen straucheln, weil sie Marktveränderungen zu spät erkennen. Aber diese Risiken vermeidet man nicht, indem man sich den notwendigen Veränderungen verschließt. Man vermeidet sie nur, indem man sich rechtzeitig mit der neuen Welt auseinandersetzt. In Hannover werden in dieser Woche die Anlagen gezeigt, die eine Vorahnung auf die vernetzte Fabrik geben, hier werden Roboter zu sehen sein, die „menschlich“ reagieren. Dem Aufbruch in die digital vernetzte Produktion steht technisch nichts mehr im Weg. Wenn Deutschland seine Chancen nutzt, wird die Welt auch künftig auf Maschinen aus Deutschland zurückgreifen – und hier Arbeitsplätze schaffen. Der Rest ist Wille.

          Georg Giersberg

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Betriebswirt“.

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