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Fehlende Kompetenzen : 18 Millionen Deutsche stehen im digitalen Abseits

Viele Deutsche finden sich im Internet immer noch nicht zurecht. Bild: dpa

Viele Deutsche sind von der Digitalisierung überfordert, die Spaltung ist längst nicht überwunden. Dagegen will der zuständige EU-Kommissar Günther Oettinger angehen.

          Europas scheidender Digitalkommissar Günther Oettinger galt lange als Bürokrat, der mit seiner Kernmaterie fremdelt. Seit 2014 ist der 63 Jahre alte Jurist für die Online-Welt zuständig. Anfangs tappte er dabei in manches Fettnäpfchen. Doch mittlerweile dreht der frühere baden-württembergische Ministerpräsident richtig auf, wenn es um das Streitthema Digitalisierung geht – auch wenn er nur noch kurz damit zu tun hat, bevor er im kommenden Jahr das Amt des Finanzkommissars besetzt.

          Jonas Jansen

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für die „Netzwirtschaft“.

          Thiemo Heeg

          Redakteur in der Wirtschaft.

          In Frankfurt forderte er jetzt einen stärkeren Fokus auf die europäische Zusammenarbeit, um die Digitalisierung in Europa voranzutreiben. „Wir müssen Milliarden in High-Performance-Computing investieren. Aber nicht 16 Mal in Deutschland oder 28 Mal in Europa“, sagte Oettinger auf einer Konferenz des Frankfurter Allgemeine Forums und dieser Zeitung unter dem Titel „Die digitale Transformation der Wirtschaft“. Es sei eine Chance für Europa, leistungsfähige Rechner für die Forschung gemeinsam zu etablieren.

          Ländergrenzen sollen überwunden werden

          Fehlende europäische Standards machte der Digitalkommissar als Hemmschuh in der digitalen Entwicklung aus: „Wir können uns nicht 25 Digitalsprachen leisten, wir brauchen einen digitalen Standard für Dienstleistungen und Produktion.“ Als weiteres wichtiges Projekt für den Kontinent nannte Oettinger die digitale Infrastruktur. Der EU-Kommissar geht von einem Investitionsbedarf von 500 Milliarden Euro aus – in den kommenden acht Jahren. 80 bis 90 Prozent davon müssten privat finanziert werden. Wenn man Europas Grenzen überquere, gebe es keine Kontrollen, keine andere Währung, aber man merke den Länderwechsel trotzdem noch: „Weil man die ersten fünf Minuten hinter der Grenze immer im Funkloch steckt.“

          Übergangstechnologien wie Vectoring, also das Aufrüsten von Kupferleitungen für einen schnelleren Internetdatentransfer, bezeichnete Oettinger als Zwischenlösung. Die Gefahr der Verstopfung der digitalen Wege durch eine immer weiter steigende Internetnutzung sei akut.

          Entscheidend werde das Glasfasernetz und die Mobilfunktechnik 5G. „Der Wert einer Immobilie wird in den nächsten Jahren nicht vom Blick in den Rheingau oder auf den Wiesengrund, sondern davon geprägt sein, ob das Internet schnell oder langsam ist“, sagte Oettinger auf der F.A.Z.-Konferenz. Nachholbedarf gebe es zudem in der IT-Sicherheit: „Da sind wir unsensibel und nicht genug investiert.“ Vermehrte Ausbildungsmöglichkeiten auch für alle, die noch nicht die „digital natives“ sind und die zur Vernetzung in der Industrie 4.0 beitragen, lobte Oettinger.

          Digitalisierungsgrad noch ausbaufähig

          Bildung ist generell das große Thema, wenn es um Computer, Internet und Digitalisierung geht. Ein Thema, dessen sich am Mittwoch und Donnerstag auch der zehnte Nationale IT-Gipfel der Bundesregierung in Saarbrücken annimmt. Im Vorfeld machen Untersuchungen wenig Hoffnung. Wie computer-, internet- und digitalaffin ist der Deutsche? Ein großer Teil der Bürger ist nicht besonders gut gerüstet, die Möglichkeiten kompetent für sich zu nutzen.

          Günther Oettinger will dabei helfen, die digitalen Kompetenzen der Deutschen zu vergrößern.

          Das geht aus dem jährlichen Lagebericht zur Digitalisierung hervor, den das Bundeswirtschaftsministerium und die wirtschaftsnahe Initiative D21 am Dienstag vorstellten. Die vom Marktforschungsunternehmen Kantar TNS (früher TNS Infratest) erarbeitete Studie kommt zu einem zwiespältigen Resultat. Ein Großteil der Deutschen hält mit der Digitalisierung zwar Schritt. Der Digitalisierungsgrad insgesamt bewegt sich jedoch nur auf einem mittleren Niveau, und die entsprechenden Kompetenzen sind lediglich gering ausgeprägt.

          Ein Viertel der Deutschen steht im Abseits

          Das Internet nutzen inzwischen zwar 79 Prozent aller Deutschen ab 14 Jahren, in der Gruppe der unter 50-Jährigen sogar fast alle. Allerdings stagniert der sogenannte Digitalindex der Gesamtbevölkerung bei 51 Punkten. Dieser Gradmesser setzt sich zusammen aus den Dimensionen Zugang, Nutzung, Kompetenz und Offenheit und wird auf einer Skala von einem bis 100 Punkten berechnet. Insbesondere in puncto digitale Kompetenz und Offenheit schneide die Bevölkerung im Vergleich zum Vorjahr schlechter ab, resümieren die Studienautoren.

          Nur knapp ein Drittel der Deutschen reagiert demnach vorausschauend auf die Herausforderungen zunehmender Digitalisierung und wird als hochkompetent bezeichnet. Dies sind etwa 21 Millionen Menschen. 43 Prozent oder 30 Millionen Bürger halten nur mit. Gut ein Viertel der Deutschen – 18 Millionen – weist keine oder nur wenig Digitalkompetenz auf und zählt zu den „digital Abseitsstehenden“. Das Fazit der Untersuchung: „Die Komplexität der Digitalisierung stellt die Menschen zunehmend vor größere Herausforderungen.“ Wirtschaftsstaatssekretär Matthias Machnig sprach von einer „digitalen Spaltung“, die es zu überwinden gelte.

          Unternehmen und Schulen sollen mitziehen

          Unter anderem dieser Aufgabe widmet sich der IT-Gipfel in Saarbrücken, der in diesem Jahr unter der Überschrift „Lernen und Handeln in der digitalen Welt“ steht. Politiker, Wissenschaftler und Unternehmer diskutieren über digitale Bildung und über die digitale Transformation der Wirtschaft. Dass in beiden Bereichen noch erhebliche Defizite bestehen, prangert der Digitalverband Bitkom an. Nach seiner Einschätzung verfügt rund die Hälfte der Unternehmen in Deutschland über keine echte Digitalstrategie. „Die Unternehmen müssen sich dringend mit strategischen Fragen des Umbaus ihres Geschäftsmodells für die digitale Wirtschaft von morgen beschäftigen“, fordert Hauptgeschäftsführer Bernhard Rohleder.

          Wie modernste IT-Entwicklungen in die Schulen einziehen können, versucht das Potsdamer Hasso-Plattner-Institut (HPI) mit einer sogenannten Schul-Cloud zu demonstrieren. Das Konzept wurde zusammen mit Fachleuten aus Wirtschaft und Bildungseinrichtungen entwickelt. Die Schul-Cloud verspricht, digitale Lehr- und Lernangebote in einer Cloud, also in entfernten Rechenzentren, zentral vorzuhalten.

          Für Schulen entfalle damit die Anschaffung und Wartung von Rechnern, weil Schüler und Lehrer von überall her online auf die Inhalte zugreifen könnten. „Die Einführung der Schul-Cloud wird den digitalen Wandel in Deutschlands Schulen entscheidend voranbringen“, gibt sich Institutsdirektor Christoph Meinel überzeugt. In Saarbrücken wird ein erster Prototyp im Beisein von Bundesbildungsministerin Johanna Wanka präsentiert.

          Wo geht’s hier zum Internet? In einem Pilotprojekt bringen Freiwillige Senioren das Netz näher.

          Wie wenig der digitale Wandel bislang in der Bildungswelt angekommen ist, zeigt die Kantar-TNS-Studie „Schule digital“. Befragt wurden Schüler, Eltern und Lehrer nach dem Digitalisierungsgrad in den Schulen, zu Hause und im Privaten. Das Ergebnis fiel ernüchternd aus: „Die digitale Realität der Lernwelt zuhause und der Lebenswelt findet noch immer wenig Eingang in die Lehrwelt der Schule.“ Eine veraltete IT-Infrastruktur sowie die mangelnde Aus- und Weiterbildung der Lehrkräfte und eine fehlende strukturelle Verankerung verhinderten ein effizientes Umsetzen im Unterricht.

          Schon technisch klaffen die Welten weit auseinander. Während 94 Prozent der Schülerinnen und Schüler ein Smartphone und 70 Prozent ein Notebook privat nutzen, bleibt der Overheadprojektor neben dem Beamer das am häufigsten verfügbare Gerät für den Unterricht. Oft müssen Lehrkräfte die Administration und die Wartung der Technik selbst übernehmen. Ausgerechnet also die Gruppe, die um ihre eigenen mangelnden Digitalkompetenzen weiß und diese als Hürde für die Umsetzung digitaler Bildung sieht. Nur in 37 Prozent der Schulen werde die IT-Administration von Fachkräften übernommen, wie es in Behörden und Unternehmen längst Standard sei, heißt es.

          Dabei fehlt es nicht an grundsätzlicher Aufgeschlossenheit. Die meisten Lehrer sind digitalen Medien gegenüber positiv eingestellt, und neun von zehn Eltern messen digitalen Kompetenzen für jeden Beruf große Bedeutung zu. Tatsächlich regt sich sogar in der Schulbürokratie schon das Verständnis für die moderne Technik. Die Präsidentin der Kultusministerkonferenz (KMK), Claudia Bogedan (SPD), sprach sich für den Gebrauch von Smartphones im Unterricht aus: „Handyverbote sind von gestern.“ Kennt man die strikten Vorgaben in vielen Schulen, kommen solche Aussagen schon einer kleinen Revolution gleich.

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