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DGB-Tagung : Gewerkschaften und SPD wollen den digitalen Wandel gestalten

DGB-Chef Reiner Hoffmann beim Digitalisierungskongress in Berlin Bild: dpa

Das Thema „Industrie 4.0“ hat Konjunktur. Auf der DGB-Tagung werden nicht nur die Schattenseiten diskutiert. Doch Verdi äußert sich skeptisch über die Arbeitswelt der Zukunft.

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          Jörg arbeitet in einem Start-Up-Unternehmen für Onlineshopping und ist Mitglied der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi. Zum großen „Digitalisierungkongress“ des Deutschen Gewerkschaftbundes im Deutschen Technikmuseum in Berlin hatte er den versammelten Arbeitnehmervertretern einen Wunsch vorab über das Internet übermittelt: Bitte redet nicht nur über die schlechten Seiten – die Digitalisierung bringt auch neue Arbeitsplätze und Chancen!

          Dietrich Creutzburg
          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Nachdem mehrere Redner, unter ihnen die Bundesarbeitsministerin, in der Tonlage des „Sowohl-als-auch“ in die Zukunft geblickt hatten, übernahm es jedoch ausgerechnet der Verdi-Vorsitzende Frank Bsriske, die Gefahren in den Mittelpunkt zu rücken: Es drohten „digitale Arbeitslosigkeit, digitale Prekarisierung und digitale Kontrolle der Arbeitnehmer“, führte Bsirske aus. Daher sei er sehr froh, dass es in Deutschland einen „Gestaltungsanspruch“ gebe, die Digitalisierung „nicht dem Selbstlauf der Märkte zu überlassen“.

          Ob Jörg mit dieser Botschaft seines Vorsitzenden zufrieden war, blieb am Dienstag offen. Sicher ist indes: Das Thema, das als „Industrie 4.0“ bekannt wurde, hat Konjunktur – und das umso mehr, je stärker es die Vorstellungen von einer „Arbeitswelt 4.0“ anregt. Schon am Montag hatte die SPD einen „Netzpolitischen Kongress“ veranstaltet. An diesem Mittwoch folgen die CSU/CSU-Fraktion mit einem Kongress „Wirtschaft 4.0 – Chancen für Deutschland“ und die Arbeitgeberverbände mit einem Forum „Zukunft der Arbeit“. Offensichtlich ist es in Berlin immer noch möglich, über bestimmte Formen von Entgrenzung zu reden, ohne an die Flüchtlingskrise zu denken.

          Wie die neue Arbeitswelt genau aussehen wird, ist indes noch immer etwas nebulös. Für Beschäftigte von Maschinenbauern, die mit innovativen Produkten die Grenze zwischen Industrie und Internet überschreiten, äußert sie sich vielleicht erst einmal in einem Auftragsboom. Auf der anderen Seite entsteht das Bild von einem unkontrolliert wachsenden Heer sogenannter Clickworker, die als Einzelselbstständige ohne arbeitsrechtlichen Schutz und soziale Sicherung das alte Normalarbeitsverhältnis verdrängen. Dazwischen liegen Vorstellungen eines Wandels, der unmittelbar Normalarbeitnehmer betrifft: Mobile Kommunikation fördert wahlweise die Entgrenzung von Arbeitszeit und Arbeitsort – oder auch die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Roboter an den Fließbändern der Industrie machen harte Muskelarbeit überflüssig – und erleichtern damit nebenbei Frauen den Zugang zu gut bezahlten Industriearbeitsplätzen, wie Andrea Nahles (SPD) anmerkte.

          „Die Gewerkschaften müssen ihr Geschäftsmodell weiterentwickeln“

          Die große Sorge der Gewerkschaften und auch der Ministerin betrifft die Frage, wie sich soziale Errungenschaften aus der alten in die neue Arbeitswelt retten lassen – etwa der gesetzlich geregelten Acht-Stunden-Tag oder Ansprüche auf angemessene Ruhezeiten. Nahles gesteht zu, dass sich auch manche Regeln ändern müssen und hat sich vorgenommen, deswegen mit den Sozialpartnern einen „neuen Flexibilitätskompromiss“ zu schmieden. Vorschläge der Arbeitgeberverbände, im Arbeitszeitgesetz von einer täglichen auf eine wöchentliche Höchstarbeitszeit umzusteigen, verglich sie am Dienstag jedoch mit einem „Judogriff“ – und versprach den applaudierenden Gewerkschaftern: Eine „Deregulierung im Zeichen der Digitalisierung“ werde es mit ihr nicht geben.

          Auch jene Gewerkschafter, die stets die Chancen der Digitalisierung betonen, sehen im geplanten „Flexibilitätskompromiss“ vor allem ein neues fein differenziertes Regelwerk aus Gesetzen, Tarifverträgen und mehr Mitbestimmung der Betriebsräte; ergänzt um eine „soziale Einhegung“ der Solo-Selbstständigkeit. DGB-Chef Reiner Hoffmann wurde deutlicher: Ein „Belastungsmoratorium“ für die Unternehmen, wie es die Arbeitgeber seit Einführung des teuren Rentenpakets und des Mindestlohns regelmäßig fordern, stehe dem angestrebten Kompromiss im Weg.

          Daneben lieferte Hoffmann Hinweise, die Verdi-Mitglied Jörg gefallen könnten: Die Digitalisierung fordere auch die Gewerkschaften heraus – es werde nicht ausreichen, Errungenschaften zu verteidigen, räumte der DGB-Chef ein. „Auch die Gewerkschaften müssen ihr Geschäftsmodell weiterentwickeln.“ Zum Beispiel sei es ratsam, die Beschäftigen von Startups häufiger zu fragen, was sie sich von Gewerkschaften erwarten.

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