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Crowdworking : Mit der Digitalisierung kehrt die Heimarbeit zurück

Heimarbeit 4.0: Immer mehr einfache Computertätigkeiten werden von zu Hause aus erledigt. Bild: dpa

Unter Experten tobt ein heftiger Streit, ob die Digitalisierung zu mehr oder weniger Arbeitsplätzen führt. Ein übergreifender Trend ist jedoch deutlich zu erkennen: „Crowdworking“.

          Die positive Dynamik am deutschen Arbeitsmarkt bleibt auch im neuen Jahr erhalten. Das Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung spricht zwar in seiner jüngsten Meldung davon, dass weniger Neueinstellungen vorgenommen würden. Aber auch die Münchener Forscher erkennen, dass das Beschäftigungsbarometer der Industrie noch immer über dem langjährigen Durchschnitt liegt. Die vom Archiv der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vierteljährlich erhobenen Zahlen über die Schaffung oder Streichung von Stellen zeigen ebenfalls weiterhin eindeutig nach oben. In diese Übersicht fließen Meldungen von Unternehmen ein, die jeweils mehr als 100 Stellen abbauen oder neu schaffen wollen.

          Georg Giersberg

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Betriebswirt“.

          Die Zahl der offenen oder neu geschaffenen Stellen übersteigt im ersten Quartal 2016 mit 50.000 die der geplanten Stellenstreichungen von 12.000 um ein Vielfaches. Tatsächlich gesucht werden noch mehr Mitarbeiter, denn die durch den Flüchtlingsstrom und die Integration der Flüchtlinge im öffentlichen Dienst geschaffenen Stellen sind in diesen Zahlen nicht enthalten. Allein auf Bundesebene sind für das laufende Jahr noch einmal knapp 10.000 Stellen geschaffen worden.

          Außerhalb der Tabellen, die immer auf einzelne Unternehmen abstellen, ist die Ankündigung der IT-Industrie beeindruckend, die 43.000 offene Stellen ausweist und anmerkt, dass sie nur schwer zu besetzen seien. Deshalb forderte der Branchenverband Bitkom Maßnahmen zur Modernisierung des Bildungssystems. Dazu zählen die Einführung eines Pflichtfachs Informatik sowie Englischunterricht von der ersten Grundschulklasse an.

          Auch die Autoindustrie sucht zunehmend IT-Experten. Bereits heute beschäftigt sie in ihren Forschungs- und Entwicklungsabteilungen 16.000 Personen mit digitaler Expertise. Nach einer Erhebung der Beratung PWC wird deren Zahl in den kommenden vier Jahren auf mindestens 19.000 steigen. Bis zum Jahr 2020 würden aber auch die Stellen für Elektroingenieure in der Autoindustrie um 3000 auf dann 30.000 Positionen steigen. Dagegen steige die Nachfrage nach klassischen Maschinenbauern und Fahrzeugtechnikern nur noch gering.

          Einfachere Angestelltentätigkeiten fallen weg

          Dieser Trend gilt generell in der Industrie, und zwar global. Eine internationale Studie von PWC, in der Manager von 2000 Unternehmen in Nordamerika, Europa und Asien befragt wurden, hat vor wenigen Tagen gezeigt, dass eine fehlende Qualifikation bei den Mitarbeitern das größte Hindernis auf dem Weg zur digital vernetzten Fabrik (Industrie 4.0) sei, und das in allen drei wichtigen Wirtschaftsregionen. Überall wurde in der fehlenden Qualifikation ein gleich hohes Hindernis gesehen wie im Mangel an Analyse-Methoden und anwendbaren Algorithmen.

          Die Unternehmen selbst haben offenbar erkannt, dass die Weiterbildung in IT nicht nur Aufgabe von Schule und Gesellschaft ist, sondern auch ihre ureigenste Aufgabe. Von den zu erwartenden IT-Investitionen von mehr als 900 Milliarden Dollar je Jahr werden nach Ansicht von Reinhard Geissbauer, zuständig bei PWC für das Thema Industrie 4.0 in der Region Europa, Mittlerer Osten und Afrika, etwa 20 Prozent in die Aus- und Weiterbildung der Mitarbeiter fließen. Das ist ein sehr hoher Prozentsatz, anerkennt auch Christiane Benner, zweite Vorsitzende der IG Metall. Normalerweise würde nur ein einstelliger Betrag der Investitionen der Weiterbildung gewidmet.

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