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Internet : Der gläserne Mensch

Big Data kann helfen, Leben zu retten. Aber nur, wenn man die Informationsflut bewältigt. Bild: F.A.S

Facebook, Google & Co. wissen alles über uns. Sogar, was wir morgen tun. Auf diese Daten sind alle scharf. Nicht nur der amerikanische Geheimdienst.

          Ein Werbevideo der Firma Raytheon sorgte in diesem Frühjahr für Aufregung. Raytheon ist ein Rüstungskonzern mit 24 Milliarden Dollar Jahresumsatz und Sitz im amerikanischen Bundesstaat Massachussetts und Außenstelle in Rüsselsheim.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Britta Beeger

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          In dem Video, das der britische „Guardian“ veröffentlichte, demonstriert Raytheons „Cheffahnder“, wie er das Leben eines Kollegen ausspioniert - auf der Grundlage von frei verfügbaren Daten aus sozialen Netzwerken wie Facebook und Foursquare, einem Portal, in das sich der Nutzer mit seinem Smartphone einloggt, um zu sehen, ob Freunde oder gute Restaurants in der Nähe sind.

          Von Facebook-Nutzern gepostete Fotos, demonstriert der Raytheon-Fahnder, enthalten oft die Breiten- und Längengrade ihres Entstehungsorts, bis auf den Meter genau - geliefert hat sie das Smartphone des Fotografen. „Wir werden jetzt einen unserer Angestellten aufspüren“, spricht der Internetfahnder im Video, und innerhalb von ein paar Minuten und ein paar Klicks breitet er das gesamte Leben von Mitarbeiter Nick auf dem Bildschirm aus: wie Nick aussieht, wer seine Freunde sind, wo er sich wann aufhält - und wo er sich wann mit großer Wahrscheinlichkeit in Zukunft aufhalten wird: „Wollen Sie Nick erwischen, oder wollen Sie seinen Laptop in die Finger bekommen, dann sollten Sie an einem Montagabend um sechs Nicks Fitnessstudio einen Besuch abstatten.“

          Big Data hat eine Kehrseite: Big Brother

          Big Data, der große Datenhaufen im Internet, Ergebnis der digitalen Vermessung von allem und jedem auf der Welt, hat eine Kehrseite, und die heißt Big Brother. Das ist mittlerweile jedem klar, der vom Versandhaus Amazon erschreckend geschmackssichere Kaufvorschläge per E-Mail erhält. Jede Adressabfrage im Internet fällt unter Big Data, genauso wie jeder Eintrag bei Facebook. Für Unternehmen sind die Berge an Kundendaten das „Öl des 21. Jahrhunderts“: Je mehr bekannt ist über Konsum und Bonität von Kunden, desto höher der Umsatz.

          Ob durch Big Data wirklich das Wachstum der Weltwirtschaft vorangetrieben wird, ist umstritten. Klar ist seit vergangener Woche, dass auch die Hoffnungen des Staats auf Big Data liegen. Nun weiß die Welt offiziell, dass Telefonfirmen und sämtliche großen Internetkonzerne ihre Daten beim größten amerikanischen Geheimdienst NSA abliefern müssen, der direkten Zugriff hat auf die Server von Facebook, Apple, Microsoft, Yahoo - und sich damit von der Wirtschaft eine Überwachungsarchitektur bauen lässt, die in ihrer Breite und Tiefe einen Quantensprung bedeutet.

          Eine neue Debatte steht uns bevor über die Frage, was alles an Informationen über die Menschen in den Weltnetzen gespeichert ist und wie Wirtschaft und Staat diese nutzen.

          Gestritten werden wird weniger in Amerika, wo Privatsphäre von vielen ohnehin nur als kurze historische Episode der Menschheitsgeschichte angesehen wird und Stellenbewerber aufgefordert werden, ihr Facebook-Passwort zu verraten. Die Daten werden am Markt offen gehandelt. Für die Adresse eines amerikanischen Bürgers gibt es laut einer Untersuchung der OECD 50 Cent, für sein Geburtsdatum zwei Dollar, für seine Sozialversicherungsnummer acht Dollar, für Angaben zu seiner Bonität neun Dollar. Informationen über die Ausbildung kosten 12 Dollar, Angaben über Vorstrafen 15 Dollar, Insolvenzauskünfte 26,50 Dollar.

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