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Internet-Apotheke : Rechtsstreit zwischen Apothekern und Doc Morris

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Internet konkurriert mit Apotheke Bild:

Nach der heutigen mündlichen Verhandlung will das Frankfurter Landgericht am 9.November entscheiden, ob der Medikamentenverkauf über das Internet erlaubt ist. Der niederländische Anbieter Doc Morris verkauft Arzneien nach Deutschland.

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          Krankenkosten sparen? "Doc Morris" weiß Rat. Die in den Niederlanden ansässige Apotheke hat ihren Tresenverkauf um die Komponente Internet erweitert.

          Das Konzept ist simpel: Patienten können per Mausklick ihre Medikamente bestellen und sparen dabei bis zu 50 Prozent der regulären Apothekenkosten. Beispiel: Die Potenzhilfe Viagra kostet bei Doc Morris rund 220 Mark - beim freundlichen deutschen Apotheker immerhin stolze 312 Mark.

          Typisch Internet-Wirtschaft möchte man sagen - schließlich sind auch Bücher, CD oder Computer billiger im Netz zu haben als im Einzelhandel. Doch bei der Ware Medikament liegt der Fall etwas anders. Das meint zumindest die Bundesvereinigung Deutscher Apothekenverbände. Einen "Anschlag auf Verbraucherschutz und Arzneimittelsicherheit" konstatiert deren Vorsitzender Hans-Günther Friese.

          Sicher: Es ist einerseits ein Risiko, über das Netz Arzneimittel zu bestellen. Wer stellt sicher, dass keine gepantschten Medikamente vertrieben werden? Wer trägt die Haftung bei eventuellen Folgeschäden? Andererseits: Die selben Fragen stellen sich, wenn deutsche Urlauber im Ausland Pharmaprodukte einkaufen. In den USA werden viele Arzneimittel ohne Rezept in "Drugstores" vertrieben, ohne dass ein ausgebildeter Pharmazeut Pate steht.

          E-Commerce-Richtlinie der EU als Argument

          Der Arzneimittel-Direktversand ist in Deutschland, anders als in den USA, Großbritannien und Holland, verboten. Deshalb versucht Doc Morris direkt hinter der deutschen Grenze dieses Verbot zu umgehen. Die Geschäftsführer Jacques Waterval und Jens Apermann berufen sich auf die im Mai in Kraft getretene E-Commerce-Richtlinie der EU, die binnen 18 Monaten auch in deutsches Recht umgesetzt werden muss.

          Der Bonner Rechtsexperte Christian Koenig weist darauf hin, dass sich die neue Richtlinie streng genommen nur auf den virtuellen Teil des Rechtsgeschäfts bezieht (die Bestellung via Internet) - die Lieferung der Ware selbst unterliege dagegen weiter dem deutschen Recht.

          Doc Morris kein Einzelfall

          Doc Morris ist kein Einzelfall. Seit 1996 tummeln sich im Internet zahlreiche Pharmaanbieter mit ansehnlichen Preisabschlägen. Die Spreu vom Weizen zu trennen, ist für den Verbraucher nicht leicht. Fest steht aber, dass der deutsche Apothekermarkt immer noch zu den am meisten geschützten in der Welt gehört. Das Standesdenken sorgte in der Vergangenheit für gut gefüllte Apothekerkassen. Mit der Gesundheitsreform kamen die ersten Pleiten - nun fühlen sich die Standesvertreter durch das Internet bedroht - auch aus Großbritannien, von wo aus die Internet-Apotheke "Express Medical" den deutschen Markt erobern will. Auf der Homepage gibt das Unternehmen auch eine Kontaktnummer in London an mit dem Hinweis, man spreche Deutsch.

          Deutsche Krankenkassen unterstützen Doc Morris

          Die Befürchtung der deutschen Apotheker scheint dennoch zum Teil berechtigt. Denn bei der virtuellen Konkurrenz wie Doc Morris gibt es auch Medikamente auf Rezept: Per Post schickt der Patient das Papier in die Unternehmenszentrale nach Kerkrade, im Internet wird die Ware bestellt, die finanzielle Eigenbeteiligung wird per Kreditkarte oder Überweisung geleistet, den Rest bezahlen deutsche Krankenkassen. Denn auch die sehen in dem Geschäftsmodell ein enormes Einsparungspotential. Die Techniker Krankenkasse kann sich vorstellen, dass Doc Morris die Versorgung der Diabetiker übernimmt. Gerade für chronisch Kranke, die regelmäßig teure Medikamente brauchen, bietet sich der Internetkauf an.

          Der Bundesverband der AOK hat schon ausgerechnet: Per Versandhandel ließen sich jährlich 800 Millionen Mark sparen. Die Internetapotheken haben zumeist nur ein enges Medikamentenangebot - Produkte, die einen regen Umsatz versprechen: Kopfschmerzmittel, Potenzhelferlein, Schlankheits- und Rauchentwöhnungsmittel. Für den Konsumenten lohnt sich das: Eine Packung Aspirin mit 20 Tabletten kostet in der deutschen Apotheke sieben Mark, bei Doc Morris 4,80 Mark und bei Express Medical schlappe 2,98 Mark.

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