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Internationale Tourismusbörse : Auf der Insel der Seligen

Imagepflege auf der ITB: Viele Urlauber meiden Griechenland, seit dort Bürger gegen die Sparbeschlüsse der Regierung protestieren Bild: dapd

Mehr als 60 Milliarden Euro lassen sich die Deutschen ihre Ferien im Jahr kosten. Die Veranstalter hoffen, dass die Reisefreude noch lange anhält.

          Für die Reiseindustrie ist gute Laune die wichtigste Voraussetzung für florierende Geschäfte. Von der Schuldenkrise in Europa, politischen Umwälzungen in wichtigen Ferienzielen Nordafrikas und Auflagen für den Umweltschutz lassen sich die führenden Veranstalter und Verbände nicht verunsichern. Erst recht nicht, wenn die Internationale Tourismusbörse (ITB) in Berlin ihre Tore öffnet.

          Ulrich Friese

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Auf der diesjährigen Leistungsschau sind 11.000 Aussteller aus 187 Ländern vertreten. Damit sind die 26 Hallen auf dem Messegelände seit Monaten ausgebucht. „Wir übertreffen damit die zeitlich konkurrierende Cebit-Messe in Hannover gemessen an der Zahl der Aussteller um Längen“, stellt Messe-Geschäftsführer Christian Göke genüsslich fest. Die ITB versteht sich als wichtigstes Stimmungsbarometer einer international vernetzten Branche.

          Optimistischer Ausblick

          Zum Messeauftakt streicht Jürgen Büchy die wirtschaftlich gute Verfassung des Gastgeber-Landes prominent heraus: „Im vergangenen Jahr haben sich die Deutschen als Reiseweltmeister eindrucksvoll behauptet“, sagte der Präsident des Deutschen Reiseverbandes (DRV) am Dienstag in Berlin. Die Vorausbuchungen und Prognosen für die kommende Sommersaison stimmten ihn zuversichtlich, dass im Gesamtjahr 2012 trotz Krisen insgesamt mehr verreist und der Markt um bis zu 3 Prozent wachsen werde. Ihre Ferien im Inland, Städtetouren in Europa oder Fernreisen nach Asien ließen sich die Bundesbürger im vergangenen Jahr rund 61 Milliarden Euro kosten. Das sind 1,8 Milliarden Euro mehr als im Jahr zuvor.

          Einige Veranstalter bestätigen Büchys Zuversicht. Während sich die deutschen Platzhirsche TUI Travel und Thomas Cook eher bedeckt halten und 2012 jeweils Umsätze auf Vorjahreshöhe anstreben, gibt sich Rivale Rewe Touristik selbstbewusst und setzt sich zum Ziel, bis Jahresende die Erlöse um 4 Prozent zu steigern. Alltours, der viertgrößte Reiseveranstalter in Deutschland, will seinen Umsatz im laufenden Jahr sogar um 7 Prozent erhöhen: „Wir liegen bei den Buchungen für die Sommer- und Wintersaison deutlich über Plan“, begründet Firmengründer Willi Verhuven seinen optimistischen Ausblick.

          Statt nach Griechenland zu fahren, machen die Deutschen lieber in der Heimat Ferien

          Die deutsche Reisebranche, die in Deutschland neben den europaweit tätigen und an der Börse notierten Anbietern TUI Travel und Thomas Cook von den rund 2500 mittelständischen Betrieben geprägt ist, profitiert nach Ansicht von Büchy von einem stabilen wirtschaftlichen Umfeld: „Die Beschäftigtenzahlen steigen, die Arbeitslosenzahlen bewegen sich auf einem niedrigen Stand und die Konsumstimmung ist in unserem Land weiterhin sehr gut“.

          Der Befund wird von der aktuellen Tourismusanalyse der Stiftung für Zukunftsfragen gestützt. Demnach plant fast jeder zweite Bundesbürger, mindestes eine Reise im Jahr von wenigstens 5 Tagen Dauer zu unternehmen. Der Trend, dass für deutsche Urlauber Ferien in der Heimat immer beliebter werden, setze sich auch 2012 fort. Innerhalb Europas sind Spanien und Italien stark frequentierte Reiseziele. Dicht gefolgt von der Türkei, das aufgrund seines attraktiven Preisleistungsverhältnisses den langjährigen Ferienhochburgen in Südeuropa den Rang abzulaufen beginnt und in jüngster Zeit mit zweistelligen Zuwachsraten im Jahr brillierte. Wachsenden Zuspruch bei Fernreisen, vor allem nach Nordamerika oder in die Karibik, registrieren vor allem TUI oder Thomas Cook. Die großen Veranstalter kauften vielfach Flug- und Hotelkontingente in großem Stil zu einem günstigen Dollarkurs ein und sicherten dieses Geschäft rechtzeitig gegen Wechselkursrisiken ab.

          Die Nöte der Griechen

          Langjährige Urlaubsklassiker wie Griechenland, Tunesien oder Ägypten verloren dagegen im Zuge politischer Unruhen in der Gunst der Bundesbürger. Zumindest Tunesien, das als eines der ersten Länder von der „Arabellion“-Bewegung erfasst wurde, erholt sich offenbar von dem damit verbundenen wirtschaftlichen Einbußen: Viele Hotelbetreiber und Reiseveranstalter vor Ort meldeten für das Sommergeschäft gute Buchungszahlen, berichtete Büchy.

          Anders sieht es in Griechenland aus. Protestkundgebungen in den Großstädten des Landes halten viele Deutsche bislang von Buchungen ab. Dennoch ist laut Büchy durchaus zu erwarten, dass sich viele Zauderer noch spontan für einen Kurz-Urlaub auf den Ferieninseln entscheiden werden. Angesichts der Nöte der griechischen Tourismusindustrie appelliert Alltours-Chef Willi Verhuven nicht ohne Eigennutz an die Bundesregierung und die EU, durch Anreize für Investitionen in Hotels und Infrastruktur die Freizeitbranche zu beleben und so die Wirtschaft zu stabilisieren.

          Ebenso wie Griechenland ist auch das ITB-Partnerland Ägypten auf eine rasche Rückkehr zur Normalität im Tourismussektor angewiesen. Doch nach den jüngsten politischen Verwerfungen brachen die Buchungen ausländischer Touristen um bis zu ein Drittel ein. Eine Trendwende ist vorerst nicht in Sicht. „Die weitere Entwicklung ist davon abhängig, wie schnell sich die politische Lage im Land festigt“, ist Büchy überzeugt. Ägyptens Tourismusminister Mounir Fakhry Abdel Nour gab sich bei der gestrigen Eröffnung der ITB kämpferisch: „Die Reiseindustrie ist seit über einem Jahrzehnt eine der wichtigsten Säulen unserer Wirtschaft“, warb der Politiker in Berlin um Vertrauen, „die Entwicklung dieses Sektors hat nach wie vor Priorität in der ägyptischen Politik, egal wer oder welche Partei die Regierung stellt“. Das Ziel Kairos ist ehrgeizig: Bis 2017 soll sich in Ägypten die Zahl der Touristen auf 30 Millionen im Jahr verdoppeln.

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