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Internationale Energieagentur : „Atomenergie gehört auf die Agenda der Energiepolitik“

Atomkraftwerk in Emmerthal in Niedersachsen Bild: dpa

Ohne Atomenergie seien die Klimaschutzziele in Gefahr, meint die Internationale Energieagentur. Es drohe ein zusätzlicher Ausstoß von vier Milliarden Tonnen CO2 – mehr als das Vierfache des deutschen Ausstoßes im Jahr.

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          Der Verzicht auf die Nutzung der Atomenergie zur Stromerzeugung gefährdet nach Ansicht der Internationalen Energieagentur IEA das Erreichen der internationalen Klimaschutzziele. In der Folge würde der angestrebte Umbau zu einer klimafreundlichen Energieerzeugung ohne Kohlendioxidemissionen teurer und schwieriger, heißt es in einem neuen Bericht der Agentur, dem ersten zur Kernenergie seit beinahe Jahrzehnten. Die Atomstromerzeugung sei auf der ganzen Welt derzeit nach der Wasserkraft die zweitgrößte Quelle CO2-freier Elektrizitätsgewinnung. In industrialisierten Staaten wie Amerika, Europa und Japan sei Atomstrom in den vergangenen 30 Jahren die größte Quelle CO2-armer Stromerzeugung gewesen.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          In Deutschland soll 2022 das letzte Atomkraftwerk abgeschaltet werden. Die Technik gilt als nicht sicher genug, auch fehlen Möglichkeiten, den strahlenden Abfall sicher zu lagern. Die Energiebranche hat immer wieder argumentiert, dass wegen des laufenden Abschaltprozesses mehr Kohlekraftwerke laufen müssten, um die Grundversorgung mit Strom zu garantieren – weshalb die Emissionen von Kohlendioxid in Deutschland weiterhin vergleichsweise hoch ausfallen.

          „Signifikanter Beitrag“ zum Klimaschutz

          Die IEA zeigt sich besorgt darüber, dass viele der laufenden Kraftwerke bald abgeschaltet werden müssten, weil sie an das Ende ihrer technischen Laufzeit gelangten oder aus politischen oder wirtschaftlichen Gründen abgeschaltet würden. Auch Staaten, die in der Atomstromerzeugung eine Zukunft sähen, täten nicht genug, um die Anlagen zu erhalten.

          Ohne gegenzusteuern, würden die Industriestaaten bis 2025 ein Viertel ihrer Atomkraftkapazitäten verlieren und zwei Drittel bis zum Jahre 2040. Das wiederum könnte zu zusätzlichen Kohlendioxidemissionen im Umfang von 4 Milliarden Tonnen CO2 führen. Das ist mehr als das Vierfache der deutschen Jahresemissionen.

          Die Atomenergie müsse wieder auf die Agenda der internationalen Energiepolitik gesetzt werden, verlangt die IEA. Ohne den wichtigen Beitrag der Kernkraft werde es immer schwieriger, die Klimaschutzziele zu erreichen, sagte IEA-Exekutivdirektor Fatih Birol. An der Seite der Erneuerbaren und mit Energieeffizienz könne Atomstrom einen „signifikanten Beitrag“ zum Erreichen der Klimaziele leisten.

          Wettbewerbsfähig und sicher

          Für Laufzeitverlängerungen bestehender Reaktoren müssten allerdings erhebliche Finanzmittel aufgebracht werden, heißt es in dem Papier. Auf der Kostenseite sei die Kernenergie mit anderen Stromerzeugungsarten wettbewerbsfähig, auch gegenüber Strom aus Solar- und Windkraftanlagen. Allerdings führe die Atomkraft im Vergleich mit ihnen zu einer „sichereren und weniger für Lieferunterbrechungen anfälligen Energieversorgung“.

          Allerdings seien die Marktbedingungen für Laufzeitverlängerungen der Kernkraftwerke weiterhin unvorteilhaft. Niedrige Strompreise auf den Großhandelsmärkten hätten dazu geführt, dass die Gewinnaussichten kleiner würden, was zu vorzeitigen Schließungen führe.

          In Amerika besäßen an die 90 Kernkraftwerke eine Erlaubnis 60 Jahre lang zu arbeiten, dennoch seien einige vorzeitig vom Netz gegangen, und weiteren drohe das gleiche Schicksal. Auch in Europa, Japan und anderen Industrieländern sei es ungewiss, ob es zu Laufzeitverlängerungen kommen werde. Hinzu komme, dass Neubauprojekte – verwiesen wird auf Finnland, Frankreich und Amerika – oft finanziell und zeitlich aus dem Ruder liefen. Korea sei eine Ausnahme.

          Atomwirtschaft lobt die Studie

          Die IEA bezweifelt, dass es auf kurze oder mittlere Sicht möglich sei, die durch das Abschalten der Kernkraftwerke entstehende Lücke durch Ökostrom zu schließen. In den vergangenen 20 Jahren sei die Erzeugungskapazität von Wind- und Solarstrom in den Industriestaaten zwar um 580.000 Megawatt – rechnerisch etwa 580 Kernkraftwerke – gewachsen. Allerdings müsse dann binnen 20 Jahren die fünffache Kapazität hinzukommen, um den Wegfall der Kernkraftwerke zu kompensieren.

          Eine solche „drastische Ausweitung der erneuerbaren Energieerzeugung würde eine ernsthafte Herausforderung an die Integration der neuen Quellen in das Energiesystem mit sich bringen“, schreibt die IEA. Das würde zudem Investitionen in einer Größenordnung von 1,6 Billionen Euro notwendig machen, was wiederum zu steigenden Energiekosten der Verbraucher führen würde. Politiker sollten alles das bei ihren Entscheidungen berücksichtigen, sagte Birol.

          Die Weltvereinigung der Atomwirtschaft lobte die Studie. Generaldirektorin Agneta Rising, sagte, mehr und mehr Regierungen und Institutionen würden die Vorteile der Kernenergie erkennen und dies in ihre Pläne für eine nachhaltig und saubere Energiezukunft einbeziehen. Die Atomstromerzeugung wachse in China und Russland, in mehreren anderen Staaten wie der Türkei, Bangladesch, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Ägypten oder Weißrussland gebe es Ausbaupläne. Allerdings sei ein Vielfaches davon notwendig. Selbst um das von Weltklimarat beschreiben „mittlere Szenario“ für die Klimaziele 2050 zu erreichen, sei eine Versechsfachung der bestehenden Kapazitäten nötig.

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