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Eben noch Regierungsberater : Ökonom Lars Feld ist auf dem Sprung nach Wien

Lars Feld Bild: Helmut Fricke

Lars Feld war bis vor kurzem noch Chef der Wirtschaftsweisen in Deutschland. Jetzt soll der Ökonom neuer Chef des Instituts für Höhere Studien in Wien werden.

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          Wie am Mittwoch bekanntgegeben wurde, soll Lars Feld neuer Chef des Instituts für Höhere Studien (IHS) in Wien werden. Nach Gabriel Felbermayr wäre er der zweite Spitzenforscher in kurzer Zeit, der von einer deutschen Institutsspitze an eines der großen Wirtschaftsforschungsinstitute in Österreich wechselt. In seiner Heimat ist das IHS vor allem durch seine zeitgleich mit dem Konkurrenten Österreichisches Institut für Wirtschaftsforschung (Wifo) präsentierte Konjunkturprognose bekannt. Neuer Wifo-Chef wird der bisherige Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft Felbermayr.

          Michaela Seiser
          Wirtschaftskorrespondentin für Österreich und Ungarn mit Sitz in Wien.
          Niklas Záboji
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Feld hat sich unter rund 20 Bewerbern für den Posten durchgesetzt. Ein Konkurrent war bis zuletzt Guntram Wolff, der Direktor des Brüsseler Forschungsinstituts Bruegel. Feld selbst wollte den Ruf zunächst nicht kommentieren, gab aber an, einem Wechsel nach Wien grundsätzlich sehr positiv gegenüberzustehen.

          Feld gilt als wirtschaftsliberaler Ökonom, der in vielen Gremien in Politik und Wissenschaft mitmischt. Von 2011 bis Anfang dieses Jahres war er Mitglied im wirtschaftspolitischen Sachverständigenrat der Bundesregierung, kurz Wirtschaftsweise. Deren Vorsitzender wurde er just zum Ausbruch der Corona-Krise – und wäre es nach CDU und CSU gegangen, wäre Feld für weitere fünf Jahre Wirtschaftsweiser geblieben.

          Profilierter Verteidiger der Sozialen Markwirtschaft

          Doch die SPD legte ein Veto gegen seine Vertragsverlängerung ein. Als Finanzwissenschaftler war Feld beteiligt an der Ausarbeitung der Schuldenbremse und auch in sozialpolitischen Fragen liegen seine Vorstellungen mit denen der Sozialdemokraten oft über Kreuz, Beispiel Mindestlohnerhöhung. „Für viele in der SPD bin ich ein rotes Tuch“, sagte Feld, selbst Parteimitglied in jungen Jahren, unlängst in einem F.A.S.-Interview.

          Auf bundespolitischer Ebene hatte die Causa Feld für einigen Wirbel gesorgt. CDU-Parteichef Armin Laschet bezichtigte den Koalitionspartner der Blockade und warf speziell dem SPD-Finanzminister Olaf Scholz vor, „mit Arroganz und Ignoranz mitten in der Pandemie“ zu verhindern, dass Feld im Sachverständigenrat weiterarbeiten könne. Die Sozialdemokraten verwiesen daraufhin nüchtern auf den Umstand, dass zwei Amtszeiten in dem Gremium die Regel seien, schafften es aber auch nicht, die CDU ihrerseits von einem Kandidaten zu überzeugen – im Gespräch waren die Ökonomen Jens Südekum und Marcel Fratzscher. Die fünfte Stelle im Sachverständigenrat ist seit nunmehr vier Monaten vakant. Wie aus Berliner Kreisen einstimmig verlautet, ist mit einer Nachbesetzung erst nach der Bundestagswahl im September zu rechnen.

          Chancen auf eine Wiederberufung in den Sachverständigenrat werden Feld im Falle einer schwarz-grünen Bundesregierung kaum eingeräumt. Er selbst soll sich nach eigener Aussage wohl auch keine Hoffnung mehr machen. Seit 2010 führt der gebürtige Saarländer das Freiburger Walter-Eucken-Institut, das in der Tradition des Ordoliberalismus steht. Bei einem Ruf nach Wien würde er diesen Posten dem Vernehmen nach räumen. Damit verlöre die deutsche Öffentlichkeit – im letztjährigen F.A.Z.-Ökonomenranking belegte Feld hinter Ernst Fehr, Clemens Fuest und Fratzscher den vierten Platz – einen profilierten Verteidiger der Sozialen Marktwirtschaft.

          Liberal ausgerichtet

          Doch winken mit dem Posten in Wien ungleich bessere Chancen, in der wirtschaftspolitischen Debatte Gehör zu finden, zumindest in Österreich: Während das Eucken-Institut nur ein knappes Dutzend Mitarbeiter zählt, sind es am IHS rund 90. Wie die großen deutschen Forschungsinstitute wie Ifo und DIW unterhält das IHS eine eigene Konjunkturabteilung. Es hat sich in der Vergangenheit um ein interdisziplinäres Profil bemüht und gilt als wichtige Einrichtung für die Politikberatung.  

          Gründer des IHS waren die Auslandsösterreicher Paul F. Lazarsfeld und Oskar Morgenstern. Lazarsfeld war 1933 in die Vereinigten Staaten emigriert, während Morgenstern, einer der Begründer der Spieltheorie, 1938 aus Österreich vertrieben worden war. Die finanzielle Basis für das private, nicht gewinnorientierte Institut wurde von der amerikanischen Ford-Stiftung gelegt. Demzufolge wurde das Institut längere Zeit als „Ford-Institut“ bezeichnet. Heute finanziert sich das liberal ausgerichtete IHS aus Subventionen der Bundesministerien für Finanzen, Wissenschaft und der Nationalbank sowie eingeworbenen Forschungsgrants und -projekten. Die Forschung wird durch mehr als ein halbes Dutzend Gruppen organisiert.

          Die vor mehr als einem halben Jahrhundert gegründete postgraduale Kaderschmiede für angehende Wissenschaftler und Spitzenbeamte und Ausbildungsstätte bekleidete lange Zeit eine solitäre Stellung im deutschsprachigen Raum, da Graduiertenkollegs in Deutschland erst in den Achtziger Jahren aufkamen. Tatsächlich war das IHS in dieser Tradition nach amerikanischem Vorbild lange Zeit die einzige Einrichtung in Österreich, die systematisch wissenschaftlichen Nachwuchs ausbildete. Nicht zufällig lautet die englische Übersetzung des IHS „Institute for Advanced Studies“ – eine Bezeichnung, die nach dem Vorbild des Institute for Advanced Study in Princeton bereits zu einem Gattungsbegriff geworden ist, dem sich das IHS zugehörig fühlt.

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