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Insolvenzverfahren : Detroit schnappt nach Luft

Das Insolvenzverfahren hat Detroit überraschend schnell beendet. Doch ganz ohne Kontrolle wird es auch in Zukunft nicht gehen. Bild: dpa

Die Stadt Detroit hat das größte kommunale Insolvenzverfahren in der Geschichte Amerikas abgeschlossen. Aber auch wenn der Zwangsverwalter jetzt seine Arbeit niederlegt, bleibt die Frage: Wie kann die Stadt den Exodus seiner Bürger stoppen?

          Die immer noch stolzen Einwohner von Detroit nennen ihre Stadt schlicht „The D“. In den vergangenen 17 Monaten war die amerikanische Autostadt allerdings mehr für einen anderen Buchstaben bekannt: B – wie Bankrott. Das ist jetzt Vergangenheit. Detroit hat am Mittwoch offiziell das größte kommunale Insolvenzverfahren in der amerikanischen Geschichte abgeschlossen. Aus dem Schneider ist die Stadt aber noch nicht. „Wie können wir Dienstleistungen in einer Stadt zur Verfügung stellen, wo die Arbeitslosenquote doppelt so hoch ist wie der Durchschnitt im Bundesstaat, wo wir die Wasserversorgung wiederherstellen müssen und ein Bussystem, ein Computersystem und ein Finanzsystem?“, fragte Mike Duggan, der Bürgermeister von Detroit, auf einer Pressekonferenz. „Es wird eine Herausforderung werden.“ Der im vergangenen Monat vom Konkursrichter abgesegnete Restrukturierungsplan gebe der Stadt aber „die Werkzeuge, um eine Chance auf Erfolg zu haben“. Der Plan sieht vor, die Schuldenlast der Stadt, die sich beim Konkursantrag auf 18 Milliarden Dollar belief, um 7Milliarden Dollar zu reduzieren. Dafür werden unter anderem Pensionsleistungen für ehemalige Angestellte der Stadt gekürzt. Detroit wird innerhalb der kommenden zehn Jahre zudem 1,7 Milliarden Dollar in die marode Infrastruktur investieren, die Bürgermeister Duggan auf der Pressekonferenz skizziert hat. Neben modernerer Informationstechnologie sollen auch neue Feuerwehr- und Krankenwagen angeschafft werden. Schließlich sollen auch die vielen verfallenen Gebäude in der Stadt abgerissen werden, die nicht nur ein unschöner Anblick, sondern auch Brutstätte für kriminelle Aktivitäten sind.

          Das Herzstück des Rettungsplans

          Norbert Kuls

          Freier Autor in der Wirtschaft.

          Detroit hat das Insolvenzverfahren überraschend schnell beendet. Herzstück des Rettungsplans war ein „Grand Bargain“, eine schon vor Monaten zwischen den beteiligten Parteien getroffene Übereinkunft, bei der es um die Sammlung des Kunstmuseums Detroit Institute of Arts ging. Im Rahmen der Vereinbarung bringen der Bundesstaat Michigan, eine Koalition gemeinnütziger Stiftungen und private Gönner des Museums 816 Millionen Dollar auf, mit denen die Pensionskassen der städtischen Bediensteten aufgefüllt werden. Im Gegenzug verzichtete die Stadt auf ihre Eigentumsrechte an der Sammlung, die sie Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts erworben hatte – als Detroit mit dem Aufstieg der Autoindustrie zum mächtigen Industriezentrum wurde. Allein die Ford-Stiftung, die seit den siebziger Jahren nicht mehr in Detroit, sondern in New York sitzt, bewilligte mit 125 Millionen Dollar die größte Einzelmaßnahme ihrer Geschichte.

          Mit dem Kompromiss waren auch Pläne vom Tisch, Teile der Sammlung, zu der Werke von Van Gogh und Renoir gehören, zu verkaufen. Die Verantwortlichen des Museums hatten sich vehement dagegen gewehrt. Die Idee für den Kompromiss kam vom Bundesrichter Gerald Rosen, der als Vermittler zwischen den Parteien auftrat und die Bedeutung der Kunstsammlung für die verfallende Stadt erkannte. Das Detroit Institute of Arts sei unschätzbar wichtig, um die Stadt für Menschen und Unternehmen attraktiv zu machen, sagte der Richter. Mit einem Verkauf der Kunstwerke hätte Detroit seine „Zukunft verwirkt“.

          Auch in Zukunft noch viel Arbeit

          Mit dem Ende des Insolvenzverfahrens beendet auch Zwangsverwalter Kevyn Orr seine Arbeit. Der Staranwalt war vor fast zwei Jahren vom Gouverneur zum „Notfallmanager“ ernannt worden, um die städtischen Ausgaben zu kontrollieren. Ganz ohne Kontrolle wird es angesichts des jahrelangen Missmanagements in Detroit aber auch nach dem Ende des Insolvenzverfahrens nicht gehen. In den kommenden Jahren soll ein mehrheitlich vom Bundesstaat bestellter Ausschuss die Finanzen der Stadt beaufsichtigen.

          Selbst wenn die prekäre Finanzlage der Stadt jetzt gelindert ist, bleibt die Frage, wie Detroit den Exodus seiner Bewohner stoppen und neue Arbeitsplätze schaffen kann. In den fünfziger Jahren war Detroit mit fast zwei Millionen Einwohnern die viertgrößte Stadt Amerikas. Straßenkreuzer von Ford, General Motors und Chrysler, die damals von den Bändern der Fabriken liefen, waren der Stolz Amerikas. Mittlerweile leben weniger als 700.000 Menschen in Detroit, weswegen auch die Steuereinnahmen stark geschrumpft sind. Die öffentlichen Schulen sind ebenfalls in einer desolaten Lage und werden von einem eigenen Notfallmanager betreut.

          Rick Snyder, der Gouverneur von Michigan, wies am Mittwoch auf der Pressekonferenz auf bereits erreichte Verbesserungen hin. Die Zahl der Morde, die am Anfang des Insolvenzverfahrens auf den höchsten Stand seit 40 Jahren geklettert war, ist seither um 18 Prozent gefallen. Die Stadt arbeite derzeit daran, alle Straßenlampen zu erneuern. Und wenn Einwohner in den dunklen Straßen die Polizei rufen, dauert es im Durchschnitt nur noch 18 Minuten, bis ein Streifenwagen kommt. Im vergangenen Jahr mussten die Bürger noch fast eine Stunde warten. Das ist Fortschritt in D.

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