https://www.faz.net/-gqe-9fbiy

F.A.Z. exklusiv : Mehr Tarifbindung nur mit neuer Tarifpolitik!

  • -Aktualisiert am

Zweitens: Tarifverträge modular denken. Heutige Tarifverträge sind vielfach zu komplex geworden. Nicht selten verstehen Unternehmen und Arbeitnehmer die Tarifverträge der eigenen Branche nicht ohne Rechtsberatung. Unternehmen hiermit für die Tarifbindung zu gewinnen ist fast unmöglich. Im Gegenteil: Es schreckt Unternehmen ab. Meine Erfahrung aus vielen Gesprächen mit Unternehmern zeigt mir, dass nicht tarifgebundene Arbeitgeber gern Module wie den Entgelttarifvertrag übernehmen würden, aber zum Beispiel insbesondere vor strengen betriebsfernen Arbeitszeitregularien des Manteltarifvertrags zurückschrecken. Hier müssen wir eine Bereitschaft der Gewerkschaften gewinnen, für diese Unternehmen und ihre Beschäftigten auch einzelne Teile der Tarifverträge zur Verfügung zu stellen. Motto: besser Teile eines Tarifvertrages als gar kein Tarifvertrag. Ein solches Modell kann eine „modulare Tarifbindung“ sein. Arbeitgeber, die bislang nicht in der Tarifbindung sind, und Gewerkschaften sollen dabei aus einem Gesamtpaket eines Tarifwerks Module auswählen und diese für den Betrieb übernehmen können.

Wenn uns das gelingt und Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften ihre Tarifverträge flexibilisieren und Module zur Verfügung stellen, bin ich zuversichtlich, dass die Tarifautonomie wieder an Akzeptanz gewinnt. Gelingt das nicht, wird die Tarifbindung weiter abnehmen und die Tarifautonomie Schaden nehmen. Dann müssten wir gemeinsam über andere Wege nachdenken.

Drittens: Dazu könnte gehören, dass nicht nur Arbeitgeber und Gewerkschaft, sondern auch Betriebsräte und Arbeitgeber auf der Grundlage von Tarifverträgen solche Module übernehmen können. Bei dieser Lösung geht es nicht darum, dass Betriebsräte Tarifverhandlungen führen. Es geht darum, dass auf der betrieblichen Ebene Arbeitgeber und Betriebsrat die modulare Anwendung bestehender Tarifverträge ohne deren Änderung gemeinsam beschließen können. Betriebsräte und Arbeitgeber sollen also die Geltung von einzelnen Modulen aus Tarifverträgen vereinbaren dürfen, ohne diese abzuwandeln. Durch Betriebsvereinbarungen wird dann zum Beispiel der Entgeltrahmen übernommen, und der Betrieb gilt als tarifgebunden, auch wenn er nicht alle Regelungen der gesamten Tarifbreite übernommen hat.

Die Herausforderungen an die Tarifautonomie werden in den kommenden Jahren zunehmen. Insbesondere die Digitalisierung stellt die Unternehmen vor Anpassungsprozesse, die sie meistern müssen, wenn wir Wachstum und Beschäftigung in Deutschland auf hohem Niveau halten wollen. Ich hoffe, dass der Weckruf einer sinkenden Tarifbindung die Bereitschaft beider Sozialpartner steigert, neue Wege einzuschlagen und dadurch die Tarifbindung zu verbreitern.

„Wir sind bereit“

Tarifbindung muss von den Unternehmen und den Arbeitnehmern gemeinsam als vorteilhaft erkannt werden können. Die Delegation der Verhandlungsdurchführung an Arbeitgeberverband und Gewerkschaft allein wird dafür zukünftig nicht reichen. Betriebsnahe und betriebs-verkraftbare Tarifverträge werden die Voraussetzung sein, Individualisierung und Flexibilisierung werden den Anpassungsdruck abfedern müssen.

Die Gewerkschaften müssen erkennen, dass sie einen erheblichen Einfluss auf die Höhe der Tarifbindung haben. Das ist nicht nur Angelegenheit der Arbeitgeberverbände. Auch Streiktage bei den tarifgebundenen Unternehmen während der Friedenspflicht oder der Verhandlungsphase sind keine Werbung für die Tarifbindung. Wir sollten das Jubiläum als Startschuss einer Debatte der Sozialpartner über die Zukunft der Tarifautonomie nutzen. Die Arbeitgeberverbände stehen hierfür bereit.

Ingo Kramer ist Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) in Berlin.

Weitere Themen

Ölpreis auf Vier-Monats-Hoch Video-Seite öffnen

Nach Drohnen-Angriff : Ölpreis auf Vier-Monats-Hoch

Die Anschläge auf die Raffinerien in Saudi-Arabien haben den Ölpreis in die Höhe getrieben. Nun droht ein zusätzlicher Dämpfer für die Weltwirtschaft.

Kein Sonnenkönig

Max-Planck-Gesellschaft : Kein Sonnenkönig

Martin Stratmann ist gänzlich frei von Allüren eines Alleinherrschers. Darin unterscheidet er sich von seinen Vorgängerinnen. Nun stellt der Korrosionsforscher die Max-Planck-Gesellschaft neu auf.

Topmeldungen

Nach Interviewabbruch : Es bleiben viele Fragen an Höcke

Die Aufregung über den Interview-Abbruch und die Drohungen von Björn Höcke verstellt den Blick auf die eigentliche Frage: Wes Geistes Kind ist der AfD-Politiker?

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.