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Informationen mit Nährwert : Vorsicht, Kalorienbombe!

  • -Aktualisiert am

Vielleicht hilft gegen Übergewicht leichte Gymnastik - einfach den Kopf schütteln Bild: dpa

Unwissen macht dick: Wer schlank sein will, muss das Kleingedruckte lesen. Wenn auf Speisen der Kaloriengehalt ausgewiesen ist, bringt das einen Lerneffekt - oder einen Abschreckungseffekt. In New York hat man das schon ausprobiert.

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          Über Gewicht spricht man nicht, Übergewicht hat man, sagt der Volksmund. Das gilt vor allem für die Industrienationen. Die Menschen in den wohlhabenden Ländern werden immer dicker. Schätzungen für Amerika gehen davon aus, dass in der vergangenen Generation die Zahl der Übergewichtigen um 50 Prozent gestiegen ist. Dieses Übergewicht könnte allein bei den Amerikanern pro Jahr 300.000 vorzeitige Sterbefälle zur Folge haben, und die medizinischen Kosten dürften sich zu fast 100 Milliarden Dollar addieren. Aber warum werden die Menschen der wohlhabenden Nationen immer übergewichtiger, und was kann man dagegen tun?

          Aus ökonomischer Sicht höchst verdächtig ist der Arbeitsmarkt: Je mehr die Menschen arbeiten, umso weniger Zeit widmen sie der Zubereitung von Mahlzeiten, umso eher greifen sie zu Fertiggerichten und Fast-Food-Produkten, die sich vor allem durch hohe Kalorienzahl auszeichnen und offenbar einen hohen Gewöhnungseffekt haben. Hinzu kommt der technische Fortschritt, der zu sinkenden Nahrungsmittelpreisen führt - es wird immer billiger, mehr Kalorien zu sich zu nehmen.

          Eine eher geringe Rolle - so meinen Ökonomen - spielt der Umstand, dass Arbeit zunehmend darin besteht, vor einem Bildschirm zu hocken, statt auf dem Feld zu ackern - das geringere Ausmaß an körperlicher Betätigung hat Studien zufolge kaum Einfluss auf das Gewicht der Menschen.

          Unter Verdacht stehen Fast-Food-Restaurants

          Unter Verdacht stehen Fast-Food-Restaurants: Essen die Menschen mehr kalorienhaltige Produkte, wenn der Zugang leichter ist? Und macht sie das dick? Die empirischen Befunde sind uneinheitlich, aber es scheint, dass ein Fast-Food-Restaurant in unmittelbarer Nähe einer Schule zu einem Anstieg der Zahl der Übergewichtigen um fast fünf Prozent führt.

          Essen die Menschen also zu viel, weil fettes, schnelles Essen leicht verfügbar ist? Und wenn ja, wie kann man Menschen dazu erziehen, mehr auf ihre Ernährung zu achten und auf die Zahl der Kalorien, die sie zu sich nehmen? Ein Vorschlag besteht darin, den Menschen die Kalorien bewusstzumachen, indem man Restaurants dazu zwingt, ihre Speisen mit dem Nährwert auszuzeichnen. Das Bewusstsein könnte auf zwei Wegen dabei helfen, das Verhalten zu ändern: Entweder man erfährt erstmals durch den Aufdruck im Restaurant, wie hoch der Kaloriengehalt einer Speise ist und schreckt zurück - das wäre ein Lerneffekt. Oder aber die Kalorienanzeige hilft dem hungrigen Kunden, im Eifer des Kaufes und angesichts des Heißhungers kühlen Kopf zu bewahren und nicht zu verdrängen, dass man gerade im Begriff ist, eine Kalorienbombe zu kaufen - das könnte man als Abschreckungseffekt bezeichnen. Mit dieser Idee im Hinterkopf haben Politiker in New York ein Gesetz eingeführt, das Restaurant-Ketten dazu zwingt, auf ihren Speisen den Kaloriengehalt auszuweisen (Fast-Food-Ketten: Kalorienschock bei Starbucks und McDonald’s). War das Gesetz erfolgreich?

          Die Ökonomen Bryan Bollinger, Phillip Leslie und Alan Sorensen haben die Folgen dieses Gesetzes untersucht, indem sie die Kaffeehaus-Kette Starbucks dazu überredeten, ihnen Daten zur Verfügung zu stellen. So konnten die Ökonomen die Käufe der Starbucks-Kunden in New York darauf untersuchen, ob sich nach der Einführung der Kalorienbomben-Regelung etwas im Ernährungsverhalten der Starbucks-Kunden geändert hat. In der Tat hat sich etwas geändert: Die Forscher fanden heraus, dass die durchschnittliche Kalorienzahl, die Starbucks-Käufer in New York zu sich nehmen, nach dem gesetzlich vorgeschriebenen Ausweis der Kalorien im Restaurant um sechs Prozent gesunken ist. Bemerkenswerterweise war die Kalorienaufnahme bei den Getränken fast unverändert, eine Reduktion der Kalorien fand nur bei den Nahrungsmitteln statt. Hier gab es zwei Effekte: Die Kunden kauften weniger Snacks ein - das machte fast drei Viertel der reduzierten Kalorienaufnahme aus. Das restliche Viertel erklärt sich dadurch, dass die Kunden auf kalorienärmere Produkte umstiegen.

          Die Umsätze von Starbucks blieben dabei interessanterweise mehr oder weniger unverändert. Und wenn in der Nachbarschaft eine Filiale des Konkurrenten Dunkin Donuts mit einem kalorienhaltigeren Angebot war, dann stiegen die Umsätze sogar um drei Prozent.

          Was für den Lerneffekt spricht

          Die Forscher können auch die Frage beantworten, was durch die Nährwert-Informationen geschah, indem sie zusätzlich Daten von Kunden auswerteten, die mit Treue-Karten sowohl in als auch außerhalb New Yorks in Starbucks-Läden einkaufen, in denen also die Kalorienangaben nicht an den süßen Köstlichkeiten kleben. Das Ergebnis: Hatten diese Kunden einmal in New York die Kalorien wahrgenommen, änderten sie auch ihr Kaufverhalten in den anderen Starbucks-Läden - das spricht für einen Lerneffekt, bei dem man sein Verhalten ändert, nachdem man erfahren hat, wie viele Kalorien so ein Cookie hat.

          Sollte die Politik also Restaurantketten flächendeckend dazu zwingen, den Kaloriengehalt ihrer Speisen auszuweisen? Blich, Cutler, Murray und Adams kommen überschlägig zu dem Ergebnis, dass in diesem Fall die durchschnittliche Kalorienaufnahme der Amerikaner von 2000 auf 1970 Kalorien sinken würde, aber auch nur, wenn die im Restaurant gesparten Kalorien nicht an anderer Stelle wieder reingeholt werden - ein bescheidener Sieg in einer schweren Schlacht. Vielleicht hilft gegen Übergewicht aber auch leichte Gymnastik - einfach den Kopf schütteln.

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