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Inflation : Reallöhne sinken um 5,7 Prozent

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Mehr Geld, aber weniger Kaufkraft. Bild: dpa

Die hohe Inflation entwertet die Gehälter der Menschen in Deutschland. Das Statistische Bundesamt berichtet vom stärksten Reallohnverlust seit Jahren. Die Entlastungspakete gleichen allerdings einiges aus.

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          Die hohe Inflation lässt die Reallöhne in Deutschland immer weiter zusammenschrumpfen. Im dritten Quartal von Juli bis September lagen die Löhne auf dem Papier zwar um 2,3 Prozent höher als im Vorjahreszeitraum, wie das Statistische Bundesamt am Dienstag mitteilte. Zugleich kletterten aber die Verbraucherpreise um 8,4 Prozent – die Reallöhne sanken somit um 5,7 Prozent. Das ist laut Statistik der stärkste und langanhaltendste Reallohnverlust seit Beginn der Zeitreihe im Jahr 2008.

          Die Beschäftigten in Deutschland mussten damit bereits das vierte Quartal in Folge einen Reallohnverlust hinnehmen, wie die Statistiker betonten: Im zweiten Quartal von April bis Juni waren die Reallöhne um 4,4 Prozent gesunken, im ersten Quartal um 1,8 Prozent und im letzten Quartal 2021 um 1,4 Prozent gegenüber dem jeweiligen Vorjahresquartal.

          Tatsächlich ist der Verlust an real verfügbaren Einkommen aber „sowohl 2022 als auch 2023 wesentlich weniger groß als es die Reallohnstatistik vermuten lässt“, sagte Sebastian Dullien der F.A.Z. Er ist wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. „Die Entlastungspakete der Bundesregierung haben bereits im laufenden Jahr den Reallohnverlust zu einem beträchtlichen Teil ausgeglichen.“ 

          Einmalzahlungen gleichen einiges aus

          Wichtig seien vor allem die Einmalzahlungen in Form von Energiepreispauschale, Kinderbonus, Heizkostenzuschüssen oder steuerlichen Entlastungen etwa durch den höheren Arbeitnehmerpauschbetrag und höheren Grundfreibetrag gewesen. All diese Entlastungen tauchten in der Reallohnstatistik nicht auf. Auch im kommenden Jahr würden die Maßnahmen der Bundesregierung und dabei vor allem die Strompreis- und Gaspreisbremse den Reallohnverlust „spürbar bremsen“, erwartet Dullien.

          „Da diese Preisbremsen die Inflationsrate in der Summe um mehrere Prozentpunkte drücken dürften, fällt ein absehbarer Reallohnverlust spürbar niedriger aus.“ Einen weiteren „deutlichen Beitrag zum Ausgleich der Kaufkraft“ dürfte laut Dullien die Steuer- und Abgabenfreiheit auf Zusatzzahlungen leisten, da solche Zahlungen nun in vielen Tarifabschlüssen genutzt würden.

          Auch Tobias Hentze, Leiter des Themenclusters Staat, Steuern, Soziale Sicherung am Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) erwartet, dass „die Entlastungspakete der Bundesregierung spürbare Wirkung entfalten und einen Teil der Reallohnverluste auffangen können“. Er verweist jedoch auf den Umstand, dass nicht jeder Haushalt gleichermaßen profitiere: „Insbesondere bei Haushalten ohne Gasbezug fällt der größte Entlastungsposten weg“, sagte er. Relativ zum Einkommen würden einkommensstarke Haushalte zwar etwas weniger stark entlastet als einkommensschwache Haushalte, allerdings sei die Entlastung immer noch beträchtlich. „Dies zeigt, dass es den Entlastungspaketen an Zielgenauigkeit mangelt", bemängelte er.

          Aufs Gesamtjahr gesehen waren die Reallöhne sowohl 2020 als auch 2021 geschrumpft – nach mehreren Jahren des Wachstums. 2020, als die Corona-Pandemie ausbrach, sanken die Reallöhne laut Statistischem Bundesamt um 1,1 Prozent, im vergangenen Jahr lag das Minus bei 0,1 Prozent.

          Im kommenden Jahr stehen die Chancen aber nicht schlecht, dass der Rückgang zumindest deutlich geringer ausfällt. So rechnen die Wirtschaftsweisen damit, dass sich die Inflationsrate leicht abschwächt – von durchschnittlich 8,0 Prozent im zu Ende gehenden Jahr auf 7,4 Prozent. Zudem haben die Gewerkschaften in vielen Branchen angesichts der starken Teuerung auch kräftige Lohnabschlüsse durchsetzen können. Die rund 3,9 Millionen Beschäftigten der Metall- und Elektroindustrie etwa bekommen in zwei Schritten 8,5 Prozent mehr Geld sowie 3000 Euro Einmalzahlung netto.

          Die Europäische Zentralbank (EZB) will verhindern, dass sich Preise und Löhne gegenseitig nach oben schaukeln und sich die Inflation damit verfestigt. Ökonomen sehen bislang aber noch keine Hinweise auf eine Lohn-Preis-Spirale in Deutschland. Die Teuerungsrate in Deutschland liegt aktuell mit 10,4 Prozent so hoch wie seit 1951 nicht mehr, weil Energie infolge des russischen Kriegs gegen die Ukraine deutlich teurer geworden ist. Auch Lebensmittel kosten inzwischen erheblich mehr.

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