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Inflationsschock in England : „Die Zeiten sind hart, ich verstehe das“

Einkaufen immer teurer: Großbritanniens Schatzkanzler Nadhim Zahawi besucht einen Supermarkt. Bild: Reuters

In Großbritannien schnellt die Inflationsrate zum ersten Mal seit Jahrzehnten in den zweistelligen Bereich. Der britische Schatzkanzler Zahawi kann die Beunruhigung der Bürger nachvollziehen – hat aber keine schnelle Lösung.

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          Angetrieben von höheren Lebensmittel- und Energiepreisen ist die Inflationsrate in Großbritannien erstmals seit vierzig Jahren auf einen zweistelligen Wert gestiegen, wie das Statistikamt ONS am Mittwoch bekannt gab. Im Juli lagen die Verbraucherpreise auf Jahressicht um 10,1 Prozent höher, nach 9,4 Prozent im Juni. Dies war die höchste Teuerungsrate seit Februar 1982 auf der Insel. Der Anstieg der Verbraucherpreise, der Millionen Haushalte in Bedrängnis bringt, war höher als von Ökonomen erwartet. Die Preise für Lebensmittel stiegen sogar um 12,7 Prozent.

          Philip Plickert
          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          „Die Zeiten sind hart, ich verstehe das“, sagte Schatzkanzler Nadhim Zahawi zu den neuen Inflationszahlen. „Die Menschen sind beunruhigt über die Preissteigerungen, die Länder rund um die Welt erleben.“ Es gebe keine einfachen Lösungen. Zahawi erinnerte an milliardenschwere Unterstützungspakete des Staates für Haushalte, besonders die Hilfen für Geringverdiener und Pensionäre, sowie den 400-Pfund-Zuschuss zu Energierechnungen in den kommenden Monaten.

          Im Herbst könnte es noch schlimmer werden

          Die britische Zentralbank prognostiziert, dass die Teuerungsrate im Oktober – wenn die Energierechnungen von derzeit rund 2000 Pfund im Jahr auf etwa 3500 Pfund springen könnten – auf einen Spitzenwert von gut 13 Prozent steigen dürfte. Danach soll sie aber, auch aufgrund einer leichten Rezession, bis 2024 wieder auf gut 2 Prozent abklingen. Ob diese Erwartung der Bank of England in Erfüllung geht, ist aber unsicher.

          Die „Cost of living crisis“ ist schon seit Monaten das beherrschende wirtschaftspolitische Thema in Großbritannien. Die Supermarktkette Iceland mit ihren 900 Geschäften hat jetzt zinslose Kredite bis 100 Pfund beim Lebensmittelkauf für ärmere Kunden angekündigt. Zwar herrscht Vollbeschäftigung und die Arbeitslosigkeit ist die niedrigste seit rund fünfzig Jahren. Die Löhne steigen recht schnell, doch mit durchschnittlich knapp 5 Prozent im zweiten Quartal lag das Plus deutlich unter dem Anstieg des Verbraucherpreisniveaus, sodass die Einkommen real – also abzüglich der Inflationsrate – um rund 3 Prozent schrumpften.

          Die Reallohnverluste sind zudem sehr ungleich verteilt. Im öffentlichen Dienst steigen die Gehälter am langsamsten. Die Gewerkschaft der Lehrer lehnte jüngst ein Angebot von 5 Prozent Lohnplus in England und Wales ab und will eine Urabstimmung über Streiks abhalten. Diese Woche legen abermals etwa 40.000 Eisenbahnmitarbeiter Teile des Schienenverkehrs lahm. Im Herbst könnte es quer durch den öffentlichen Dienst zu Großstreiks kommen.

          Die oppositionelle Labour-Partei treibt die regierenden Konservativen vor sich her. Parteichef Keir Starmer hat jüngst gefordert, die festgesetzte Obergrenze der Energierechnungen einzufrieren. Das soll 15 Milliarden Pfund kosten, Starmer will dafür eine nochmalige Sondersteuer auf die Energieunternehmensgewinne erheben. Außenministerin Liz Truss, die Favoritin im Rennen um die Johnson-Nachfolge als Premierminister, verspricht dagegen baldige Steuersenkungen für die Bürger, sollte sie am 5. September ge­wählt werden.

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