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Konsum : Deutscher Dauerfrust

Viele Passanten gehen im Moment lieber an den Geschäften vorbei - statt hinein: Die Deutschen sparen beim Einkaufen. Bild: dpa

Die Menschen verzichten seit Jahren. Jetzt frisst die Inflation ihre Corona-Ersparnisse auf. Trotzdem gibt es keinen Grund für Fatalismus.

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          Die Autobahnen Richtung Süden sind rappelvoll, Deutschland ist in Urlaubsstimmung. Das stimmt zwar, beschreibt aber leider nur einen Teil dessen, was viele Deutsche gerade wirklich beschäftigt: Sie sind verunsichert wie vielleicht noch nie und sehen sich gezwungen, ihr Geld zusammenzuhalten. Weil die Preise in Rekordtempo steigen und völlig unklar ist, wie der Krieg in der Ukraine weitergeht, schnallen sie den Gürtel enger. Sie kaufen weniger oder minderwertigere Lebensmittel und verzichten auf neue Hosen und Hemden, zeigen Daten aus dem Einzelhandel. Die Verbraucherstimmung ist so schlecht wie nie, in den kommenden Monaten dürfte es noch schlimmer werden, erwarten die Händler.

          Ärger über diese Situation ist mehr als verständlich. Erst hat Corona die Deutschen zum Verzicht gezwungen, jetzt frisst die Inflation die zusätzlichen Pandemie-Ersparnisse auf, die doch eigentlich im Post-Pandemie-Sommer auf den Kopf gehauen werden sollten. Und die Gasrechnung kommt für die meisten erst noch. Es ist bitter, aber wahr: Der russische Angriff auf die Ukraine hat die Deutschen ärmer gemacht. Es droht eine Abwärtsspirale aus Verunsicherung, Kaufzurückhaltung und Rezession.

          Zum Glück besteht aber kein Grund zum Fatalismus. Es gibt auch ermutigende Signale. Trotz der Dauerkrise haben die allermeisten Deutschen Arbeit und Einkommen, daran wird sich so schnell nichts ändern. Der Preisanstieg scheint erst einmal gebremst. Außerdem kommt Deutschland auch mit weniger Gas aus Russland besser aus als viele befürchtet haben, weil Verbraucher auch hier sparen und Politik und Industrie Alternativen finden. Durchhalteparolen will zwar niemand mehr hören, aber nach einem hartem Winter können wirtschaftlich auch wieder bessere Zeiten kommen.

          Politisch hat die prekäre Lage bislang nicht zu einer Radikalisierung und Zulauf für Populisten geführt. Auch das ist eine gute Nachricht und nicht selbstverständlich. Die Bundesregierung muss in den kommenden Monaten gezielt diejenigen entlasten, denen das Geld ausgeht, ideologische Scheuklappen ablegen und einen Weg aus der Dauerkrise aufzeigen. Nur dann ist sichergestellt, dass die Menschen wieder zuversichtlicher werden.

          Johannes Pennekamp
          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung.

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