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Inflation in der Türkei : 44 Prozent mehr fürs Toilettenpapier

Ein Mitarbeiter einer Wechselstube in Istanbul zählt türkische Lira. Bild: dpa

Die Inflation in der Türkei ist auf einem Rekordhoch: Sogar der Preis für Toilettenpapier steigt rasant und junge Leute verzichten aufs Ausgehen.

          Semiha Mercan fühlt sich von der türkischen Führung verschaukelt, wieder einmal. Die selbstbewusste Frau aus Istanbul, die in Wirklichkeit anders heißt, hat im Internet gerade etwas über die jüngsten Inflationsdaten gelesen: Dem Statistikamt zufolge lagen die Verbraucherpreise im Oktober um 2,67 Prozent höher als im September und um 25,24 Prozent höher als vor einem Jahr. Der enorme Anstieg markiert die höchste Rate seit Juni 2003, also seit mehr als 15 Jahren. Trotzdem hält Mercan ihn für geschönt. „Die Inflation ist viel höher“, empört sie sich. „Da wird wieder einmal gelogen, damit wir stillhalten.“

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel- und Südosteuropa und Türkei mit Sitz in Wien.

          Mercan ist weltlich orientiert, alleinstehend und arbeitet als Sozialarbeiterin in einem EU-Projekt zur Frauen- und Flüchtlingshilfe. Sie verdient 3500 Lira im Monat, etwa 570 Euro. Um mit der galoppierenden Geldentwertung Schritt zu halten, hat ihr Arbeitgeber den Lohn im September um 9 Prozent erhöht. „Aber das reicht vorne und hinten nicht“, sagt sie. „Weil die Inflation so hoch ist, gehe ich nicht mehr aus und treffe meine Freunde lieber zuhause.“ Im Lokal koste eine Tasse Kaffee mittlerweile 8 Lira (1,30 Euro), eine Flasche Bier 14,50 Lira (2,30 Euro).

          Besonders stark steigen die Lebensmittelpreise. Auf dem kleinen Markt in Istanbul, auf dem Mercan fast jeden Tag einkauft, bezahlt sie für ein Kilogramm Tomaten 5,90 Lira, etwa 0,95 Euro. Im Sommer seien es nur 3,90 Lira gewesen, erinnert sie sich. Natürlich habe das auch mit der Jahreszeit zu tun, das Wetter allein erkläre aber nicht den Anstieg um mehr als 50 Prozent. Anderes Beispiel: Toilettenpapier. Im Sommer zahlte Mercan 39 Lira für 32 Rollen, vergangene Woche waren es im gleichen Geschäft für die gleiche Marke 56 Lira (9 Euro). 44 Prozent mehr als vor einem Vierteljahr.

          Steuern auf Energie steigen

          Der Preis für Brot und andere Backprodukte ist gedeckelt, Bäckereien, die gegen die Auflagen verstoßen, müssen Bußgelder zahlen. Aber selbst ganz normale Nahrungsmittel wie Zucchini, Gurken, Auberginen oder Käse reißen inzwischen tiefe Löcher in die Haushaltskasse. Fleisch isst Mercan kaum noch, seit ein Kilogramm gehacktes Lamm 85 Lira kostet (14 Euro). „Viele von uns weichen auf Fisch aus, der ist billiger“, sagt sie.

          Auch das Statistikamt gibt zu, dass die Preise für Lebensmittel und nicht-alkoholische Getränke besonders schnell steigen, um 29,3 Prozent in einem Jahr. Diese Güter machen fast ein Viertel des Warenkorbs für die Inflationsberechnung aus. Ebenfalls überdurchschnittlich stark ist die Teuerung für Möbel und Haushaltsgeräte (38 Prozent) sowie für den Transport (32 Prozent). Mercan gibt jeden Monat 150 Lira (24 Euro) für Bus und Bahnen aus, mehr als je zuvor.

          Ein weiterer Rekordanstieg trifft sie indirekt, jener um 26 Prozent für die Miet- und Immobilienkosten. Mercan lebt seit vielen Jahren in einer Eigentumswohnung und stottert jeden Monat 1000 Lira (161 Euro) von einem festverzinsten Darlehen ab; ihre Eltern helfen in ähnlicher Höhe. Offiziell werden die Gas- und Stromtarife staatlich kontrolliert und legen nicht zu. Die Steuern auf Energie aber steigen, klagt Mercan, da die Regierung sie zu immer höheren Kosten im Ausland einkaufen und im Inland subventionieren müsse.

           Keine schnelle Annäherung an die EU in Sicht

          Die Lira-Schwäche ist ein Hauptgrund für die (importierte) Inflation: Seit Jahresbeginn hat die Währung gegenüber dem Dollar mehr als ein Viertel an Wert verloren. Nach Bekanntgabe der neuen Inflationsdaten, die etwas schlechter ausfielen als erwartet, sank der Lira-Kurs am Montag um weitere 0,7 Prozent. Seit seinem Rekordtief im August hat er sich aber um ein Viertel verbessert. Dazu trägt die Entspannung mit den Vereinigten Staaten bei. Nach der Freilassung eines amerikanischen Geistlichen aus türkischem Gewahrsam hat Washington Teile seiner Sanktionen ausgesetzt.

          Positiv stimmt auch, dass die Produzentenpreise zwar um 45 Prozent höher sind als vor einem Jahr, sie im Oktober aber geringer zugelegt haben als in den vergangenen sechs Monaten. Gleichwohl nimmt der Druck auf die Notenbank zu, die Geldpolitik weiter zu straffen. Denn angesichts eines Leitzins von 24 Prozent sind die Realzinsen inzwischen wieder negativ.

          Hinzu kommt, dass sich keine schnelle Annäherung an die EU abzeichnet, den wichtigsten Partner für Handel, Investitionen, Knowhow-Transfer und Tourismus. Gegenüber der „Bild am Sonntag“ ging der Vorsitzende der konservativen EVP-Fraktion im Europa-Parlament, Manfred Weber (CSU), auf Distanz zur Türkei. Falls er 2019 zum Kommissionspräsidenten gewählt werde, wolle er sich dafür einsetzen, die EU-Beitrittsgespräche zu beenden, kündigte Weber an. Er hofft darauf, in der kommenden Woche zum EVP-Spitzenkandidaten für die Europawahl im Mai gekürt zu werden.

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