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Inflation : German Angst

Die Furcht der Deutschen vor der Inflation wird in unseren Nachbarländern oft als etwas Irrationales dargestellt. Doch die Furcht ist keinesfalls krankhaft, sie beruht auf rationalen Gefahren.

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          Kein Wunder, dass die Deutschen sich gegen alles wehren, was Inflationsgefahren heraufbeschwören würde, hört man nicht selten. Sie haben ja schließlich ein Trauma. Denn in den frühen zwanziger Jahren wurde Deutschland von einer Hyperinflation beherrscht, die große Teile des Mittelstandes enteignete. So lautet ein verständnisvoll klingender Erklärungsversuch für das deutsche Beharren auf eine stabile Geldpolitik.

          In Wahrheit wird mit dem Begriff "Trauma" die Haltung der Deutschen pathologisiert. Ihre Sturheit wird als Ausdruck einer Krankheit gedeutet. Diese posttraumatische Belastungsstörung mache sie rationalen Argumenten und dem Neudesign einer Europäischen Zentralbank nicht zugänglich.

          Denn, da scheinen sich ja alle gesunden Ökonomen außerhalb Deutschlands einig, eine EZB, die ohne nach morgen zu fragen jetzt aggressiv Staatsanleihen kaufte, wäre das Beste zur Überwindung der Eurokrise. Leider ist das mit den Deutschen nicht zu machen wegen ihrer krankhaften Angst vor Inflation.

          Die Deutschen haben am meisten zu verlieren

          In Wahrheit ist die Angst der Deutschen vor der Inflation nicht krankhaft, sie beruht auf rationalen Gefahren. Eine EZB, die unlimitiert Staatsanleihen kaufte, begünstigte die Inflation. Diese hat für die Vermögenssituation der Bürger grundsätzlich negative oder positive Folgen je nach Vermögensstatus: Die Sparguthaben verlieren an Kaufkraft, die Schulden schrumpfen im gleichen Maße.

          Deshalb ist Inflation eine große Umverteilung, die Gewinner und Verlierer kennt: Die Gewinner sind zum einen die Schuldner und zum anderen diejenigen, deren Vermögen inflationssicher investiert ist, etwa in Aktien und Immobilien.

          Die Verlierer sind Gläubiger, Sparer, Besitzer von Lebensversicherungen und Mieter. Hier nähern wir uns dem deutschen Problem. Die Deutschen sind deutlich seltener Eigentümer von Immobilien als etwa die Amerikaner, die Engländer oder auch viele Südeuropäer. In Spanien nennen knapp acht von zehn Leuten eine Immobilie ihr Eigen, in Italien sieben von zehn, in Deutschland sind es aber gerade vier von zehn.

          Die Deutschen stecken ihr Geld auch deutlich seltener in Aktien als etwa die Angelsachsen. Die Finanzkrise 2008 hat noch einmal viele von den Börsen weggetrieben. (Zurückblieben sind vor allem Belegschaftsaktionäre, die doppelt vom Schicksal ihres Arbeitgebern abhängen.)

          Konsumentenkredite etwa aus dem exzessiven Gebrauch der Kreditkarte sind hier ebenfalls kein großes Thema. Dafür sparen die Deutschen wie verrückt, von 2003 bis 2009 etwa zehn Prozent ihres Einkommens, hat die OECD ausgerechnet.

          Für den Durchschnitts-Europäer bedeutet Inflation, dass sein Eigenheim an Wert gewinnt und seine Hypothekendarlehen an Wert verlieren. In Deutschland sitzen lauter Leute in Appartements, die sich vor Mieterhöhungen fürchten und davor, dass ihre Rente nichts mehr wert ist in Folge der Geldentwertung. Ihnen ist, ganz nebenbei, auch gerade ziemlich schwer zu vermitteln, dass es aktuell kaum Inflation gibt. Sie erleben nämlich hautnah die Preissprünge bei den Mietnebenkosten und dem Sprit fürs Auto. Kurzfristig von den Deutschen neue Vermögensdispositionen zu erwarten, nachdem ihnen fest versprochen wurde, die Europäische Zentralbank kämpfe mindestens so hart gegen Inflation wie die Bundesbank, ist nicht sauber. Wer eine erhöhte Inflation als Rezept zur Überwindung der Euro-Krise propagiert, propagiert damit eine Enteignung, die die Deutschen besonders trifft.

          Wie rational ist es, angesichts dieses Szenarios keine Angst zu haben? Evolutionsgeschichtlich ist Angst eine Alarmanlage. Sie warnt vor Bedrohungen, die sehr real werden können.

          Winand von Petersdorff-Campen
          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

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