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Schutz gegen Covid-19 : „Die Kinderimpfung wird die Pandemie nicht aufhalten“

Ein fünfzehn Jahre alter Junge wird in einer Arztpraxis mit dem Vakzin von Biontech/Pfizer geimpft. Bild: dpa

Der Chef der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie, Tobias Tenenbaum, spricht über den Streit zwischen Politik und STIKO und erklärt, warum die Spritze Kinder auch vor Vereinsamung schützt.

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          Herr Professor Tenenbaum, die Ständige Impfkommission am Robert Koch-Institut rät jetzt auch Kindern von 12 bis 17 Jahren dazu, sich gegen Covid-19 impfen zu lassen. Politiker rufen schon länger dazu auf. Warum hat die STIKO sich so viel Zeit gelassen?

          Christian Geinitz
          Wirtschaftskorrespondent in Berlin

          Hat sie gar nicht. Die Empfehlung kam vergleichsweise schnell nach wenigen Monaten wie im Zeitraffer. In normalen Zeiten dauert so etwas viel länger. Der Öffentlichkeit und der Politik kann es in Zeiten der Pandemie natürlich nicht schnell genug gehen, das verstehe ich. Aber stellen Sie sich vor, die STIKO entscheidet vorschnell und den Kindern passiert etwas, dann wäre sie erst recht unter Feuer geraten. Ich finde, die Kollegen haben alles richtig gemacht: Sobald wissenschaftlichen Fakten vorlagen, haben sie sie ausgewertet und ihre Schlüsse gezogen, nicht zu früh und nicht zu spät. Jetzt ist Sicherheit da, weil die Daten da sind.

          Warum gab es überhaupt Bedenken, eine allgemeine Impfempfehlung auszusprechen? Die Hersteller haben den Impfstoff doch an Kindern getestet, die Zulassungsbehörde EMA hat ihn genehmigt.

          Es hat sich herausgestellt, dass vor allem männliche Impflinge im Kinder- und Jugendalter vereinzelt eine Myokarditis entwickelten, eine Herzmuskelentzündung. Die gibt es bei Minderjährigen sonst so gut wie nie. Das muss man sehr ernst nehmen und kann es nicht einfach so abtun. Die STIKO schreibt unmissverständlich, dass das als Impfnebenwirkung zu werten ist und dass die meisten beobachteten Fälle ins Krankenhaus mussten.

          Und trotz dieser Gefahren ist die Impfung empfehlenswert?

          Ja, denn sie sind zu beherrschen. Die STIKO schreibt, dass bei entsprechender medizinischer Versorgung die Erkrankung unkompliziert verlief. Außerdem kann es auch bei Covid-19 zu Herzproblemen kommen, häufiger als nach der Impfung. Das ist immer eine Abwägungssache. Nach der Gegenüberstellung von Nutzen und Risiken ist für die STIKO klar, dass die Vorteile der Impfung das Risiko von extrem seltenen Nebenwirkungen überwiegen. Ich sehe das genauso.

          Aus der Politik heißt es jetzt: Das haben wir doch immer schon gesagt. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) meint, das Zögern der STIKO habe viel kostbare Zeit gekostet.

          Das Fachgremium unter Druck zu setzen und anzuschwärzen, halte ich für falsch und für gefährlich. Aus politisch-emotionalen Gründen heraus wird hier eine wissenschaftliche Evidenz ausgehebelt, die Gesundheit und Leben retten kann. Die STIKO ist schließlich von der Politik genau dafür eingesetzt worden, vor ihren Empfehlungen unabhängig, sauber und gründlich zu prüfen. Das hat sie getan. Die Regierung schneidet sich ins eigene Fleisch, wenn sie Zweifel an der wissenschaftlichen Fundierung ihrer Entscheidungen sät und das Vertrauen erschüttert.

          Ist die STIKO-Entscheidung allein medizinisch begründet?

          Nicht nur. Die Empfehlung zielt zwar in erster Linie auf den direkten Schutz der geimpften Kinder vor Covid-19. Es geht den Experten aber auch, wie sie schreiben, um die „assoziierten psychosozialen Folgeerscheinungen“. Das zielt auf den seelischen und sozialen Druck der Pandemie ab, zum Beispiel zuhause lernen zu müssen, keine Freunde treffen zu können und so weiter. Das belastet viele Kinder.

          Dann sollten sie sich impfen lassen, um unbeschwert zur Schule gehen zu können?

          Die STIKO sagt ausdrücklich, dass die Impfung keine Voraussetzung zu sozialer Teilhabe sein darf. Es soll also keine Impfpflicht als Eintrittskarte zum Präsenzunterricht geben, das hat auch die Bundesregierung zugesichert. Die Impfentscheidung bleibt im übrigen eine, die Kinder, Eltern und Ärzte zusammen treffen sollen, nach wie vor muss es eine individuelle ärztliche Aufklärung geben.

          Hilft die Kinderimpfung auch Erwachsenen?

          Natürlich insofern, als geimpfte Kinder potentiell weniger ansteckend sind. Aber einen Fehlschluss darf man nicht machen: dass das Kinderimpfen die Virusausbreitung signifikant aufhalten oder die Hospitalisierungszahlen drücken würde. Kinder erkranken auch ohne Impfung kaum an Covid-19 und verbreiten die Infektion auch weniger als Erwachsene. Das ist durch wissenschaftliche Daten belegt. Man darf ihnen nicht die Verantwortung für den Pandemieverlauf aufbürden. Den haben vor allem wir Erwachsenen in der Hand.

          Professor Dr. Tobias Tenenbaum (47) ist Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Sana Klinikum in Berlin-Lichtenberg und Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie.

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