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Automobile : Fiat-Krise erschüttert Italien

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"Fiat allein hat keine Chance": Analyst Pieper (Bankhaus Metzler) im F.A.Z. Business-Radio Bild:

Wenn Fiat verschnupft ist, hat Italien die Grippe. Besorgt wird das Schicksal der letzten italienischen Großindustrie verfolgt.

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          Es ist eine Tragödie für Italien. Viele Italiener sind verzweifelt angesichts der dramatischen Krise, die den Fiat-Konzern nur noch vor zwei Möglichkeiten zu stellen scheint: Entweder wird die verlustreiche Autosparte des Konzerns an den US-Riesen General Motors verkauft - oder sie geht bankrott.

          Dabei ist das Turiner Unternehmen seit jeher der Stolz und das Aushängeschild des Landes. „Der Verlust wäre schwer und irreparabel, da das Autounternehmen die letzte verbliebene Großindustrie ist, die derzeit noch in Italien existiert“, kommentiert die römische Zeitung „La Repubblica“.

          Ende der Agnelli-Dynastie?

          In den Fernsehnachrichten ist die Fiat-Krise seit Tagen die erste Meldung. „Fiat baut weitere 8.100 Stellen ab“, sagt der Sprecher. Mit angehaltenen Atem hatten die Italiener auf Zahlen gewartet, bis zuletzt die Hoffnung gehegt, dass am Ende doch noch alles gut gehen würde.

          Der Marktanteil sinkt und sinkt

          Die Italiener sind mit Fiat aufgewachsen, für viele ist die Agnelli-Dynastie das „geheime Königshaus“. Schließlich gibt es die „Fabbrica Italiana Automobili Torino“ schon seit 1899. Es ist noch gar nicht so lange her, da musste man auf den Straßen zwischen Mailand und Messina lange suchen, um ein Fahrzeug zu erspähen, dass nicht von Fiat produziert wurde. Heute entscheiden sich die Italiener beim Autokauf größtenteils für ausländische Marken, der Fiat-Marktanteil ist auf 28 Prozent gesunken. Und im Ausland ist die Situation noch weit dramatischer.

          Verstaatlichung im Gespräch

          Was ist passiert? „Fiat hat einfach die Zeichen der Zeit nicht gehört“, bringen es Kommentatoren auf den Punkt. Auch heute hat der Konzern noch mit gravierenden Qualitätsmängeln zu kämpfen, es fehlt an attraktiven neuen Modellen und innovativen Ideen. Jetzt bittet Fiat um Staatshilfen - doch viele Politiker sind irritiert. „Die Krise resultiert vor allem aus Fehlern des Managements“, sagt der Minister für Produktionstätigkeit, Antonio Marzano.
          Schließlich hat der italienische Staat der Agnelli-Industrie schon mehr als einmal unter die Arme gegriffen. Schon ist eine mögliche „Verstaatlichung“ im Gespräch. „Italien kann es sich absolut nicht leisten, seine bedeutendste Auto-Industrie zu verlieren“, sagt Oppositionsführer Francesco Rutelli.

          Die Krise ist nicht plötzlich über Fiat hereingebrochen. Nachdem sich vor Jahren erste Probleme auf dem gesamten europäischen Automarkt abzeichneten, begann bei Fiat der dramatische Abstieg. Jahrelang waren die Probleme nicht angegangen worden - und auch Fiat- Patriarch Giovanni Agnelli (82) hatte nicht mehr die Kraft, das Schiff wieder auf Kurs zu bringen. Im Jahr 2000 entschied sich der Vorstand, eine Partnerschaft mit General Motors einzugehen, der 20 Prozent der Fiat-Anteile übernahm. Fortan wollten sich die beiden Häuser in ihrer Produktion ergänzen.

          GM als letzte Hoffnung

          Jedoch hätte Fiat wohl nicht damit gerechnet, dass die im Vertrag ausgehandelte Übernahme-Option von GM für das Jahr 2004 jemals Realität werden würde. Heute sehen Experten für Fiat keinen anderen Ausweg mehr, als die Autosparte tatsächlich so schnell wie möglich zu verkaufen. Im „Corriere della Sera“ wurde bereits über eine vorzeitige Fusion der Fiat-Autosparte mit der GM-Tochter Opel spekuliert. Das könnte die letzte Hoffnung sein.

          Seit Monaten versucht das Unternehmen, einen Sanierungsplan mit Beteiligungsverkäufen, finanziellen Hilfen mehrerer Banken und Produktionsdrosselung in die Tat umzusetzen. In nur zehn Monaten rollten bei Fiat drei Köpfe von Spitzenmanagern. Bisher haben alle Bemühungen kaum Wirkung gezeigt. Ende Juli lag die Nettoverschuldung noch immer bei 5,8 Milliarden Euro und zum September waren auch die Verkaufszahlen stets rückläufig.

          Auch der jetzt vorgelegte Plan, bei dem Fiat die weiteren 8100 Stellenkürzungen ankündigte, stellt Experten und Politiker nicht zufrieden. „Inakzeptabel, eine soziale Tragödie“, klagt Vize- Ministerpräsident Gianfranco Fini. Analysten rechnen vor, dass durch die Krise der größten italienischen Industrie das Bruttoinlandsprodukt um bis zu 0,4 Prozent sinken könnte. In Italien gilt eben nach wie vor die alte Regel: „Wenn Fiat verschnupft ist, hat Italien die Grippe“.

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