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Industrialisierung der Ernährung : Von Erbswürsten und Kühlschränken

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Eis-Ernte: Eine Ausstellung erinnert an die Zeit vor dem Kühlschrank Bild: Technoseum

Kaum eine Branche hat mit so großem Misstrauen zu kämpfen wie die Lebensmittelindustrie. Das war nicht immer so.

          Im Rückblick auf die harten Zeiten weiß der Besucher den Kühlschrank umso mehr zu schätzen. Bis zu dessen Erfindung mussten Männer in gefütterten Stiefeln das Eis der Seen zersägen, um die Kühlkammern zu füllen. Immer wieder passierten Unfälle, und die Eis-Erntehelfer wurden selbst zu Objekten der Konservierung. Lebensmittel besser haltbar zu machen war um 1890 längst notwendig geworden, um die wachsende Bevölkerung zu ernähren. Wenige Jahre später halfen die ersten Kühlschränke. Die "Industrialisierung der Ernährung", so der Untertitel einer Ausstellung im Mannheimer Technikmuseum, erfolgte recht spät. Und bis der Kühlschrank in die Haushalte einziehen sollte, dauerte es weitere 60 Jahre.

          Kaum eine Branche hat heute mit so großem Misstrauen zu kämpfen wie die Lebensmittelindustrie. Sie täusche, pansche und entfremde den Verbraucher vom guten, echten Essen, sie verführe zu chemischer Tütenpampe, lauten die Vorurteile. Bis weit in die siebziger Jahre war das öffentliche Bild aber ein anderes, positiveres, zeigt die Ausstellung. Wie in anderen Branchen auch, etwa der Energiewirtschaft, wurde technischer Fortschritt noch grundsätzlich als Segen empfunden.

          Die Mannheimer Ausstellung "Unser täglich Brot" erinnert daran, dass die Fortschritte im Bereich der Ernährungswirtschaft vor allem in den Bereich der Konservierungstechnik fielen. Kurz vor der vorvergangenen Jahrhundertwende kamen die ersten Fertigprodukte auf den Markt, meist als späte Antworten auf die "soziale Frage": Nestlés Kindermehl aus Zwieback und Trockenmilch sollte die Mangelernährung der Säuglinge aus Arbeiterfamilien lindern.

          Die Konservendose wurde  Anfang des 19. Jahrhunderts erfunden Bilderstrecke

          Die Maschinisierung machte es nun möglich, Lebensmittel in großen Mengen zu fertigen. Erste "Convenience"-Produkte waren zwar für die Arbeiter gedacht, wurden aber zunächst vom neugierigen und modebewussten Bürgertum gekauft, wie der Historiker Kai Budde vom Technikmuseum sagt. "Liebig's Fleischextrakt", der von 1863 an tonnenweise aus Uruguay nach Deutschland verschifft wurde (30 Kilogramm Rind ergaben ein Kilo Konzentrat), war solch eine weitere Neuheit. Knorrs erste Fertigsuppe hieß "Bienenkorb" und kam 1873 auf den Markt, der Maggi-Brühwürfel folgte ihr 1908, auch die Erbswurst aus Erbsenmehl, Speck und Gewürzen gehörte zu den wichtigsten Innovationen in einer Zeit, als für Arbeiter noch meist Brotsuppe auf dem Speiseplan stand.

          In Konservendosen konnten Obst, Gemüse und Fleisch plötzlich über Jahre haltbar gemacht werden. 1812 öffnete die erste Konservenfabrik in Großbritannien, in Deutschland begann die Massenproduktion erst um 1890, und noch bis 1900 löteten viele Hausfrauen selbst mit Dosenschließmaschinen, wie sie auch in Mannheim zu sehen sind, noch Konserven für die eigene Vorratskammer zu. Zeitgleich kam das "Einwecken" in Mode; das Einmachglas mit Gummiring war erst 1892 erfunden worden. Die Technik der Pasteurisierung war ein weiterer Meilenstein der Haltbarmachung.

          Der Hunger war in Westeuropa mit der Industrialisierung gebannt

          In harten Zeiten erschien auch das Fett als etwas Gutes. 1929 warb eine Zeitungsanzeige für "Eta-Tragol-Bonbons" damit, diese würden "unschöne Knochenvorsprünge an Wangen und Schultern" verschwinden lassen. Schokolade war noch ein Luxusgut. Der wachsende Welthandel und neue industrielle Herstellungsmethoden etwa von Zucker aus Rüben verbilligten sie stark.

          Während im 19. Jahrhundert die Männer noch Winter für Winter zur Eisernte schritten, erfand Carl von Linde eine weitere Form der Konservierung, die Kühlmaschine. Bosch brachte seine erste 1933 auf den Markt - auch sie ist in Mannheim zu sehen -, doch sie war den meisten noch zu teuer, ihre Produktion wurde 1936 wieder eingestellt. Erst nach dem Krieg wurde der Kühlschrank Standard, 1960 verfügte jeder zweite Haushalt über solch ein Gerät, wenig später kamen Gefriertruhen auf und der Mikrowellenherd. Nun erst, als die Industrie zunehmend das "Food Design" entdeckte und etwa bis heute viele tausend künstliche Aromastoffe entwickelte, wandte sich der Fortschritt vom unmittelbar nützlichen zum einseitig für die Industrie nützlichen. Nun konnte es Hühnersuppen ohne Huhn geben.

          Die Mannheimer Ausstellung, zu sehen bis April, ist ein salopper Rundumschlag zum Thema "Essen" und geht auf zentrale Aspekte der Industrialisierung, wie den der Maschinisierung, kaum ein. Sie widmet brisanten Gegenwartsfragen wie die der Gentechnik, Ressourcenknappheit oder Zukunftstechniken kaum Platz, der andererseits für Hostienbackgeräte oder für die "zehn beliebtesten Kantinengerichte" wandfüllend zu Verfügung ist ("auch hier ist der Kaloriengehalt nicht ohne", erfährt man zu Spaghetti Bolognese). Die Ausstellung suggeriert, dass die Lebensmittelindustrie in Deutschland heute von wenigen Konzernen geprägt sei, was ein gängiges Vorurteil ist und unwahr: Die Branche ist tatsächlich eine der am stärksten mittelständisch geprägten überhaupt. Auch stimmt es nicht, dass die Weltkriege zu "Hungerkatastrophen unbekannten Ausmaßes" geführt hätten; der Hunger war in Westeuropa im Prinzip mit der Industrialisierung gebannt.

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