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Indonesien-Kommentar : Ein Vorbild für Ägypten?

Börsengang geplant: Nach Jahren des Taumelns kehrt Garuda zurück Bild: REUTERS

Dass die indonesische Fluggesellschaft Garuda den Gang an die Börse plant, kommt nicht von ungefähr: Im Wettlauf der asiatischen Giganten China und Indien wurde der Riese Indonesien lange Zeit übersehen. Doch so gut das Land derzeit dasteht, so fragil bleibt es.

          Die Welt hofft, dass der Aufstand der Straße in den muslimischen Ländern Nordafrikas in einen friedlichen Demokratisierungsprozess mündet. Andernorts ist das gelungen: Indonesien, das bevölkerungsreichste muslimische Land der Erde, hat seinen Übergang zur Demokratie erfolgreich bewältigt. Und es ist unverletzt durch die große Krise der Weltwirtschaft gekommen, es besitzt Bodenschätze und einen Markt von gut 240 Millionen Menschen. Im Wettlauf von China und Indien, den beiden aufstrebenden Giganten Asiens, ist der Riese Indonesien lange Zeit übersehen worden.

          Nach Jahren des Taumelns kehrt Garuda zurück. Ältere Rucksackreisende sind mit der staatlichen indonesischen Fluggesellschaft noch von Amsterdam aus zu den Stränden in Südostasien aufgebrochen. Die jüngeren kennen Garuda nur als verrottetes Unternehmen, das nach Unfällen seine Landeberechtigung in Europa verlor. Nun aber hat sich die nach dem sagenhaften Vogel benannte Linie neu erfunden. Sie plant einen Börsengang. Auch wenn der kleiner als erwartet ausfällt, könnte Garuda als Symbol für den Aufstieg Indonesiens taugen. Zumindest für das Börsenparkett stimmt das Bild. Aktien aus Jakarta haben 2010 so viel gewonnen wie kaum ein anderer Börsenplatz. Mit einem Plus von 46 Prozent war die Wachstumsrate die höchste unter den zehn größten Börsen Asiens.

          Das kommt nicht von ungefähr. Das Wirtschaftswachstum Indonesiens betrug rund 6 Prozent. Bis zum Ende seiner Amtszeit 2014 will Präsident Susilo Bambang Yudhoyono einen Durchschnittswert von 6,6 Prozent erreichen. Der Haushalt ist gesichert, die Verschuldung gering. Gerade erst hat die Ratingagentur Moody's die Bonität Indonesiens auf den höchsten Stand seit der Asien-Krise 1997 heraufgesetzt. Das lässt aufhorchen, denn während der Asien-Krise stand das Inselreich vor dem wirtschaftlichen Zusammenbruch. Dass Dominique Strauss-Kahn, der Geschäftsführende Direktor des Internationalen Währungsfonds, jetzt Fehler seiner Organisation in Indonesien während der Krise eingestand, hilft dem Selbstbewusstsein.

          Ermutigende Entwicklungen

          In keinem anderen Land Asiens hat die Krise der Region vor zwölf Jahren auch politisch so tiefe Einschnitte hinterlassen. Das Suharto-Regime wurde weggefegt, mit Timor Leste spaltete sich ein Staat ab, die Aufruhrprovinz Aceh wurde befriedet. Das alles gelang zwar nicht ohne Blutvergießen. Gemessen an dem, was drohte, aber war es sehr wohl ein zahmer, fast friedlicher Übergang. Heute gilt Indonesien als stabil. Es ist Mitglied der G-20-Gruppe, sein Einfluss in Südostasien wächst wieder. Wie Indien in seinem Westen lernt Indonesien, auf der Klaviatur der Begehrlichkeiten seiner Nachbarn zu spielen: Im jeweiligen Tausch mit Rohstofflizenzen schließen die Indonesier voluminöse Handelsverträge mit China, Russland oder Indien ab. Amerika, gerade unter Präsident Obama, der ein paar Jahre in Jakarta zur Schule ging, wertet die drittgrößte Demokratie der Erde zusätzlich auf.

          Diese Entwicklungen sind ermutigend. Der genauere Blick ernüchtert aber dann doch etwas. 6 Prozent Wachstum braucht Indonesien allein, um seinen Schulabgängern Arbeit anzubieten. In den Städten herrscht Unmut: Um mehr als 7 Prozent steigende Verbraucherpreise, getrieben von teuren Lebensmitteln, kann Indonesien allein kaum bekämpfen, aber sie sorgen für Aufregung. Bürokratie und ihre hässliche Schwester, Korruption, bieten kein Ventil. Auch hier verliert das Volk zunehmend das Verständnis für dreckige Machenschaften der Elite des Landes.

          Die Risiken bleiben hoch

          Das betrifft auch die Arbeit der Regierung. Sicher ist Yudhoyono, der ehemalige General, der beste Ministerpräsident, den das Land in seiner kurzen Phase als Demokratie hatte. Aber ist er deswegen gut? Ihm fehlt Durchsetzungskraft und wohl auch der Wille, seine Ankündigungen wahr zu machen. In schlechter Erinnerung bleibt der erzwungene Abgang der anerkannten Finanzministerin Sri Mulyani Indrawati im vergangenen Jahr, nachdem sie einem der Milliardäre und Parteichefs zu nahe gekommen war.

          Indonesien braucht eine Regierung, die auf den Fundamenten ihrer Vorgänger aufsetzt und das Land entschlossen voranbringt. Die Voraussetzungen sind gegeben. Der Wille der Parteien freilich ist zu bezweifeln. Auch Südostasien wartet darauf, dass seine größte Volkswirtschaft nicht nur mitschwimmt, sondern ein Vakuum füllt. Das muss bald geschehen. Denn so gut Indonesien derzeit dasteht, so fragil bleibt es. Religiöse und weltanschauliche Konflikte vermengen sich. Die Infrastruktur trägt das Wachstum nicht mehr. Yudhoyono hat Investitionen von 140 Milliarden Dollar versprochen - offen ist, woher das Geld kommen soll. Ein ganz überwiegender Teil der wirtschaftlichen Entwicklung geht einzig auf die hohen Preise für Rohstoffe zurück. Was aber, wenn die wieder sinken? Durch den hohen Zustrom "heißen" Geldes aus dem Ausland bleibt Indonesien zudem verletzlich. Es wird weitere Kapitalverkehrskontrollen einführen.

          Ohne die Erfolge schmälern zu wollen, müssen Investoren die Risiken im Kopf behalten. Sie bleiben hoch. Indonesiens Aufstieg wird nicht gradlinig verlaufen. Das Land hat noch einen langen Weg vor sich.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

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