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Indische Textilindustrie : Im Lager unserer Sklavinnen

Aus den Stofffabriken von Tamil Nadu gibt es kaum Fotos, und auch sie bezeugen nicht das Ausmaß des Schreckens, von dem Arbeiter berichten: Zwangsarbeit, Vergewaltigung, Hunger, Selbstmord Bild: Lineair / images.de

Die Hölle der Textilindustrie liegt nicht nur in Bangladesch. Auch in Indien werden Frauen und Mädchen ausgebeutet. In den Zulieferbetrieben ist ihr Leben sogar viel schlimmer, weil dort kaum jemand hinsieht.

          8 Min.

          Morgens um acht hatte Divya* noch Kraft. Auch mittags ging es noch. Sie bekam eine Schale Reis, ein paar Becher Wasser. Am Nachmittag wurde sie schwächer, langsamer. „Abends ist mein Kopf dann auf den Werktisch gesunken. Dann kam der Aufseher und hat sich ganz nah über mich gebeugt, und mich an den Haaren hochgezogen“, sagt die zierliche Frau. Bis sechs Uhr am nächsten Morgen musste sie durcharbeiten. Dann zwei Stunden Schlaf. Um acht Uhr begann die nächste Arbeitsschicht. „So ging das immer, wenn wir neue Aufträge aus Europa bekamen“, sagt sie. „Ich wollte nur noch weg. Wollte sterben.“ Divya schaut auf den Boden.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Divya war nicht in Haft. Sie war keine Leibeigene. Divya hatte nur eine einzige falsche Unterschrift geleistet. Sich blenden lassen vom Lächeln der roten Lippen der Nachbarin, von deren glitzernden Ohrringen, vom Versprechen, bald wie sie einen Fernseher für die Familie kaufen zu können. „Das wirst du alles haben, wenn du bei uns in der Spinnerei anfängst“, versprach die Nachbarin. „Bald wirst du im Glamour leben, so wie die Filmstars.“ Divya unterzeichnete einen Arbeitsvertrag. „Es hörte sich so gut an. Wir sollten drei Jahre Lehrzeit haben, die Fabrik bot uns Unterkunft und Mahlzeiten“, erinnert sich die 24-Jährige an ihren größten Fehler. „Zwei Tage die Woche sollten wir freibekommen. Und am Ende eine Prämie, mit der wir die Aussteuer für unsere Hochzeit bezahlen könnten.“

          200.000 Rupien für die Aussteuer

          In Wirklichkeit landete Divya im organisierten System der Ausbeutung in der indischen Garn- und Stoffindustrie. „Sumangali“ heißt es. Auf Tamil bedeutet das Wort „schöne Braut“. Die jungen Frauen aber, die unter Sumangali arbeiten, werden niemals schöne Bräute werden, sosehr sie es sich auch wünschen. Sie können froh sein, wenn sie überleben.

          Hinter dem wohlklingenden Namen verbirgt sich ein Regime vieler Spinnereibetriebe im südindischen Textilstaat Tamil Nadu, das junge Frauen bricht, damit wenige ihren Gewinn mehren. Seine Zutaten sind Tradition, Unwissen und blindes Vertrauen auf der einen Seite, Unmenschlichkeit, Gier und der Wille zur Ausbeutung auf der anderen. Während die Welt ihre Augen auf die katastrophalen Zustände in den Textilfabriken von Bangladesch richtet, segeln die indischen Garnlieferanten und Stoffhersteller weitgehend unter dem Radar kritischer Verbraucher im Westen. Die südindischen Fabrikanten wissen das zu nutzen.

          „Das Essen war schrecklich. Jeden Tag der gleiche Brei. Oft war er verdorben“, erzählt Vasugi. „Manchmal fanden wir Kakerlaken darin. Manchmal haben die Männer ihre Zigarettenkippen hineingeworfen. Satt sind wir nie geworden.“ Vasugi war 13 Jahre alt, als ihr Vater sie einem Agenten der Textilfabrik übergab. Was sollte der Vater auch machen? Das Mädchen kostet Aussteuer, wenn es heiratet. Bis heute muss im ländlichen Indien die Familie der Braut zahlen, auch wenn das verboten ist. Für das Essen der Hochzeitsgesellschaft sind 15.000 Rupien fällig, für die Ausstattung des Bräutigams 20.000, für den Schmuck der Braut 125.000 Rupien und 50.000 gehen in Gold an die Familie des Ehemanns. Der Vater von Vasugi aber arbeitete auf einer Teeplantage. Die notwendigen 200.000 Rupien (2.346 Euro) konnte er im Leben nicht zusammensparen. Der Agent erzählte mit ruhiger Stimme, er selbst habe lange in der Fabrik gearbeitet. Vasugi werde ein Dach über dem Kopf haben, tägliche Mahlzeiten bekommen, eine Ausbildung erhalten und am Ende von drei Jahren Lehrzeit 40.000 Rupien für die Aussteuer ausgezahlt bekommen.

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