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Indische Kinderbank : Zwischen Müllhalde und Zinseszins

Rohit Kumar, 13 Jahre, Bankmanager Bild: Nadine Bös / FAZ.NET

Die Straßenkinder von Delhi - nicht selten sind sie leichtes Ziel für Raub, Betrügerei und Trickdiebstähle. Ihre wenigen Rupien müssen sie sich erbetteln oder auf Müllhalden verdienen. Eine „Kinderbank“ hilft. Dort sitzt ein 13-Jähriger hinter dem Schalter und verwaltet das Geld. Bei ihm ist es sicher - und bringt sogar Zinsen. Von Nadine Bös.

          5 Min.

          Vor dem Obdachlosenheim am Bahnhof von Old Delhi haben sich die Männer in einer langen Schlange eingereiht. Es ist sechs Uhr abends, und wer jetzt schon ansteht, kann sich eines Schlafplatzes relativ sicher sein. Vorbei am „Fatehpuri Night Shelter“ quält sich der stockende Verkehr – eine hupende, klingelnde und schreiende Masse aus Autos, Fahrrädern, Bussen, Rikschas, Kühen und Menschen. Es riecht nach Schweiß und Abgasen, nach offenem Feuer, geröstetem Fladenbrot und nach dem Urinal um die Ecke.

          Nadine Bös

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

          Im hinteren Teil des Obdachlosenheimes gibt es einen separaten Schlafraum für Straßenkinder. Hier herrscht noch Ruhe. Nur der 13 Jahre alte Rohit Kumar ist schon da und beginnt gerade mit seiner Arbeit. Aus einer Schreibtischschublade holt er das Buch hervor, in dem er die Einlagen und Auszahlungen seiner Kunden festhält. Dann schließt er die Tür des vergitterten Verschlages auf, in dem sich sein Bankschalter befindet, und wartet auf die ersten Kunden.

          Rohit Kumar ist Manager der Hauptgeschäftsstelle der Bal Vikas Bank; das ist Hindi und heißt übersetzt Kinder-Entwicklungs-Bank. Abend für Abend bringen die Straßenkinder von Old Delhi ihre Tageseinnahmen zu Rohit – mal sind es nur fünf erbettelte Rupien, mal sind es ein paar hundert, erarbeitet beim Müllsortieren oder einem anderen Gelegenheitsjob. Rohit schuftet selbst auf Delhis Recyclinghöfen, sooft es seine Zeit erlaubt – vor allem am Wochenende. Unter der Woche geht er zur Schule.

          Am Bankschalter der Kinderbank am Bahnhof von Old Delhi
          Am Bankschalter der Kinderbank am Bahnhof von Old Delhi : Bild: Nadine Bös / FAZ.NET

          „Fleißig und gewissenhaft“

          Der Bankmanager ist klein für sein Alter. Wenn er hinter dem Schalter sitzt, baumeln seine nackten Füße zwischen dem zu großen Schreibtischstuhl und dem Fußboden in der Luft. Sein blaues Hemd ist fleckig, die kurze Hose abgewetzt und durchgesessen. Die Einträge in seinem „Cashbook“ dagegen sind blitzsauber, die Handschrift ordentlich, fast filigran. Die junge Sparergemeinschaft hat ihn aus ihrer Mitte zum Manager gewählt, „weil er fleißig und gewissenhaft ist“, wie einer seiner Freunde erklärt.

          3,5 Prozent Zinsen gibt es für die Sparer im Quartal. Aber der Hauptgrund, warum Delhis Straßenkinder ihre Verdienste zu Rohit bringen, ist ein anderer: Nur hier finden sie einen sicheren Ort, um ihr bisschen Geld aufzubewahren. Denn kaum einer ist in dieser Stadt ein so leichtes Ziel für Raub, Betrügerei und Trickdiebstähle wie obdachlose Kinder.

          6800 Straßenkinder sparen

          Und so erfreut sich die Bal Vikas Bank großer Beliebtheit. 300 Kinder sparen mehr oder weniger regelmäßig bei Rohits Bankfiliale, 1700 sind es in ganz Delhi. Auch die anderen Bankschalter sind an Orten, wo Straßenkinder regelmäßig die Nacht verbringen: an Bahnhöfen, Busstationen und in Obdachlosenheimen. Die Spareinlagen nutzt die Bal Vikas Bank, um Jugendlichen über 15 Jahren Kleinstkredite zu gewähren. Das funktioniert nach einem ähnlichen Prinzip wie in der „Grameen Bank“ von Nobelpreisträger Muhammad Yunus. Profite wirft die Bal Vikas Bank keine ab – im Gegenteil: Dass sie überleben kann, verdankt sie Spendern und Sponsoren.

          Hinter der Kinderbank steckt die Hilfsorganisation „Butterflies“. Sie betreibt Filialen in vielen indischen Städten, darunter Kalkutta und Chennai, aber auch in kleineren Orten auf den Andamenen und Nicobaren. In den vergangenen Jahren expandierte die Bank in andere Länder. Insgesamt 6800 Straßenkinder sparen nun auch in Afghanistan, Bangladesch, Nepal, Pakistan und Sri Lanka in Kinderbanken ihr Geld. In Indien sind auf diese Weise inzwischen 1,4 Millionen Rupien (rund 25.000 Euro) zusammengekommen.

          „Irgendwann hat mein Vater mich nur noch verprügelt“

          Die Kinder, die zur Klientel zählen, haben unterschiedliche Hintergründe. Einige sind Waisen, einige wurden von ihren Eltern aus armen Gebieten auf dem Land in die Stadt geschickt, weil die Eltern sie nicht mehr ernähren konnten. Andere sind aus gewalttätigen Elternhäusern weggelaufen.

          Rohit ist ein solcher Fall. Er stammt aus Bihar, einem der ärmsten indischen Bundesstaaten. Er war elf Jahre, als er von zu Hause weglief. Seine Eltern zwangen ihn zu arbeiten, weil das Geld nicht reichte. „Irgendwann hat mein Vater mich nur noch verprügelt“, sagt er. Und so schloss er sich einem älteren Freund an, der nach Delhi aufbrach, um Arbeit zu suchen. In der Großstadt verdingten sich die beiden als Flaschensammler und Müllsortierer. Während einer Übernachtung im Kinder-Obdachlosenheim kam Rohit in Kontakt mit der Bal Vikas Bank.

          Was übrig ist, bekommt die Familie

          Inzwischen besucht Rohit neben seiner Arbeit als Müllsortierer regelmäßig die Schule. Sein Konto ist mit 755 Rupien (rund 13,50 Euro) im Plus – kein Vermögen, aber ein kleines Polster. Wann immer er kann, schickt er seiner Mutter sogar etwas Geld nach Hause. Sein Traum ist es, irgendwann sein eigenes Geschäft zu haben – einen kleinen Kiosk vielleicht. Wenn er älter ist, will er sich dafür einen Kredit von der Bal Vikas Bank geben lassen.

          Die Bal Vikas Bank ist nur ein Teil des Hilfskonzeptes von „Butterflies“, aber ein bedeutender. Mit 3,3 Millionen Rupien Spendengeldern (etwa 60.000 Euro) unterstützen Sponsoren aus dem In- und Ausland die Einrichtung. Viel Geld stammt aus Deutschland, vom Hauptsponsor Misereor. „Butterflies“ verspricht sich zweierlei von der Kinderbank: Zum einen will die Organisation Zugang zu den Straßenkindern bekommen, um sie für Bildung zu gewinnen. Zum anderen sollen die Kinder einen verantwortungsbewussten Umgang mit Geld lernen. Neben der Bank betreibt „Butterflies“ Obdachlosenheime und Ausbildungsstätten für Straßenkinder.

          „Wir prüfen die Alternativen“

          „Nur etwa 20 Prozent der Kinder, die in der Old-Delhi-Bankfiliale sparen, kommen regelmäßig“, berichtet Zaved Rahman, Hauptkoordinator des Straßenkinderprojekts der Organisation. Und nur die regelmäßigen Bankkunden lassen sich für Bildungsmaßnahmen oder gar Schulbesuche gewinnen. „Bei den allermeisten ist es schon ein Fortschritt, wenn sie überhaupt ab und zu Geld sparen und es nicht für Drogen ausgeben“, sagt Rahman.

          Kritiker werfen ihm vor, mit dem Projekt Kinderarbeit zu fördern. „Sicherlich könnte der Eindruck entstehen, wir würden hier ein bequemes Umfeld für arbeitende Kinder schaffen und so den Anreiz erhöhen, dass ihre Eltern sie zum Schuften in die Stadt senden, statt sie zur Schule gehen zu lassen“, sagt Rahman. „Wir versuchen aber bei jedem Kind zu prüfen, ob es eine Alternative zum Straßenkinderdasein hat, und wir haben schon unzählige Kinder wieder zurück nach Hause geschickt.“

          „Immerhin verprügelt mich jetzt keiner mehr“

          Auch die großen Hilfsorganisationen honorieren den Ansatz von Kinderbanken. „In einer Idealwelt würden wir danach streben, dass Kinder gar nicht arbeiten müssen, aber in der Praxis entspricht dieses Ideal einfach nicht dem Machbaren, sagt Unicef-Sprecherin Kirsty McIvor. Konzepte, die Kindern gleichzeitig Bildung vermitteln, seien gutzuheißen, da sie den Kindern aus dem Teufelskreis von niedrig qualifizierter Arbeit, geringem Verdienst und geringer Bildung heraushelfen könnten.

          „Natürlich kann man nicht einfach so einen Bankschalter an die Straße stellen und die Kinder sich selbst überlassen“, sagt Barbara Küppers, Referentin für Kinderarbeit und Sozialstandards bei Terre des Hommes. „Aber wenn es begleitende Programme gibt, muss man sagen: Wenn eine Gesellschaft zulässt, dass Kinder auf der Straße leben, dann muss sie auch erlauben, dass sie sich ihren Lebensunterhalt erarbeiten und ihnen dieses Geld nicht gestohlen wird.“ Die meisten Kinder würden sicher nicht gleich zu Musterschülern, aber die Bank gebe ihnen einen Anreiz, mit Hilfsorganisationen überhaupt in Kontakt zu treten.

          Vom Musterschüler ist auch Rohit noch ein ganzes Stück entfernt. Denn ein leichtes Leben führt er nicht gerade zwischen Schule und Straße, zwischen Bankschalter und Recyclinghof. „Ich muss immer noch arbeiten, das ist ähnlich wie zu Hause“, sagt er. Die Konzentration für die Schule bleibe da schon ab und zu auf der Strecke. Natürlich sei er stolz, es in der Kinderbank bis zum Manager gebracht zu haben. War es für ihn gut, von zu Hause wegzulaufen und nach Delhi zu gehen? Die Antwort fällt Rohit schwer. „Immerhin verprügelt mich jetzt keiner mehr“, sagt er nach einer Weile.

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