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Indische Kinderbank : Zwischen Müllhalde und Zinseszins

Rohit ist ein solcher Fall. Er stammt aus Bihar, einem der ärmsten indischen Bundesstaaten. Er war elf Jahre, als er von zu Hause weglief. Seine Eltern zwangen ihn zu arbeiten, weil das Geld nicht reichte. „Irgendwann hat mein Vater mich nur noch verprügelt“, sagt er. Und so schloss er sich einem älteren Freund an, der nach Delhi aufbrach, um Arbeit zu suchen. In der Großstadt verdingten sich die beiden als Flaschensammler und Müllsortierer. Während einer Übernachtung im Kinder-Obdachlosenheim kam Rohit in Kontakt mit der Bal Vikas Bank.

Was übrig ist, bekommt die Familie

Inzwischen besucht Rohit neben seiner Arbeit als Müllsortierer regelmäßig die Schule. Sein Konto ist mit 755 Rupien (rund 13,50 Euro) im Plus – kein Vermögen, aber ein kleines Polster. Wann immer er kann, schickt er seiner Mutter sogar etwas Geld nach Hause. Sein Traum ist es, irgendwann sein eigenes Geschäft zu haben – einen kleinen Kiosk vielleicht. Wenn er älter ist, will er sich dafür einen Kredit von der Bal Vikas Bank geben lassen.

Die Bal Vikas Bank ist nur ein Teil des Hilfskonzeptes von „Butterflies“, aber ein bedeutender. Mit 3,3 Millionen Rupien Spendengeldern (etwa 60.000 Euro) unterstützen Sponsoren aus dem In- und Ausland die Einrichtung. Viel Geld stammt aus Deutschland, vom Hauptsponsor Misereor. „Butterflies“ verspricht sich zweierlei von der Kinderbank: Zum einen will die Organisation Zugang zu den Straßenkindern bekommen, um sie für Bildung zu gewinnen. Zum anderen sollen die Kinder einen verantwortungsbewussten Umgang mit Geld lernen. Neben der Bank betreibt „Butterflies“ Obdachlosenheime und Ausbildungsstätten für Straßenkinder.

„Wir prüfen die Alternativen“

„Nur etwa 20 Prozent der Kinder, die in der Old-Delhi-Bankfiliale sparen, kommen regelmäßig“, berichtet Zaved Rahman, Hauptkoordinator des Straßenkinderprojekts der Organisation. Und nur die regelmäßigen Bankkunden lassen sich für Bildungsmaßnahmen oder gar Schulbesuche gewinnen. „Bei den allermeisten ist es schon ein Fortschritt, wenn sie überhaupt ab und zu Geld sparen und es nicht für Drogen ausgeben“, sagt Rahman.

Kritiker werfen ihm vor, mit dem Projekt Kinderarbeit zu fördern. „Sicherlich könnte der Eindruck entstehen, wir würden hier ein bequemes Umfeld für arbeitende Kinder schaffen und so den Anreiz erhöhen, dass ihre Eltern sie zum Schuften in die Stadt senden, statt sie zur Schule gehen zu lassen“, sagt Rahman. „Wir versuchen aber bei jedem Kind zu prüfen, ob es eine Alternative zum Straßenkinderdasein hat, und wir haben schon unzählige Kinder wieder zurück nach Hause geschickt.“

„Immerhin verprügelt mich jetzt keiner mehr“

Auch die großen Hilfsorganisationen honorieren den Ansatz von Kinderbanken. „In einer Idealwelt würden wir danach streben, dass Kinder gar nicht arbeiten müssen, aber in der Praxis entspricht dieses Ideal einfach nicht dem Machbaren, sagt Unicef-Sprecherin Kirsty McIvor. Konzepte, die Kindern gleichzeitig Bildung vermitteln, seien gutzuheißen, da sie den Kindern aus dem Teufelskreis von niedrig qualifizierter Arbeit, geringem Verdienst und geringer Bildung heraushelfen könnten.

„Natürlich kann man nicht einfach so einen Bankschalter an die Straße stellen und die Kinder sich selbst überlassen“, sagt Barbara Küppers, Referentin für Kinderarbeit und Sozialstandards bei Terre des Hommes. „Aber wenn es begleitende Programme gibt, muss man sagen: Wenn eine Gesellschaft zulässt, dass Kinder auf der Straße leben, dann muss sie auch erlauben, dass sie sich ihren Lebensunterhalt erarbeiten und ihnen dieses Geld nicht gestohlen wird.“ Die meisten Kinder würden sicher nicht gleich zu Musterschülern, aber die Bank gebe ihnen einen Anreiz, mit Hilfsorganisationen überhaupt in Kontakt zu treten.

Vom Musterschüler ist auch Rohit noch ein ganzes Stück entfernt. Denn ein leichtes Leben führt er nicht gerade zwischen Schule und Straße, zwischen Bankschalter und Recyclinghof. „Ich muss immer noch arbeiten, das ist ähnlich wie zu Hause“, sagt er. Die Konzentration für die Schule bleibe da schon ab und zu auf der Strecke. Natürlich sei er stolz, es in der Kinderbank bis zum Manager gebracht zu haben. War es für ihn gut, von zu Hause wegzulaufen und nach Delhi zu gehen? Die Antwort fällt Rohit schwer. „Immerhin verprügelt mich jetzt keiner mehr“, sagt er nach einer Weile.

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