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Indische Filmindustrie : Bollywood wird erwachsen

Musik, Romantik - und schöne Frauen: Stoff, aus dem Bollywood-Filme gemacht werden Bild: REUTERS

Bollywood klingt wie Lollipop und ist so bunt und süß wie ein Lutscher. Die indische Filmindustrie setzt auf schmachtende Heldinnen. Doch das reicht dem Publikum nicht mehr. Ihr Heil suchen die Filmemacher in der Öffnung zur Welt - und lassen die Darstellerinnen über Alpenalmen tanzen.

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          Als die Schöne stürzt, atmet das Studio auf. Denn jedes Mal, wenn Preity Zinta bei den Dreharbeiten hinfällt, wird der Film ein Erfolg. Und weil in der indischen Filmindustrie der Aberglaube noch wichtiger ist als sonstwo auf der Welt, stellte ihr der Choreograph ein Bein, und Preity Zinta stolperte. Nun wird alles gut und „Jaan-e-Mann“ ein Kassenschlager. Sonst hätte nur noch der „K-Effekt“ helfen können. Den hat Regisseur Karan Johar entdeckt. Deshalb heißen seine Filme „Kabhi Khushi Kabhie Gham“, „Kal“ oder „Kuch Kuch Hota Hai“. Die Magie des „K“ zieht die Massen ins Kino. Alle in Bollywood schwören darauf. Außer Preity. Die fällt lieber.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          B-O-L-L-Y-W-O-O-D, das klingt wie Lollipop und ist mindestens so bunt und so süß wie ein Lutscher. Es zergeht auf der Zunge. Es schmeckt nach mehr. Es macht gute Laune. Und ist viel zu schnell verzehrt. Das gute daran: Kaum ist es vorüber, geht es von vorne los. So wie „Dilwale Dulhaniya Le Jayenge“: 500 Wochen ist der Film im Maranth Mandir in Bombay gelaufen. Und immer noch bekommt Shahrukh Khan die Braut am Ende des Streifens. Damit hat er „Sholay“ ausgestochen, der es immerhin auf sechs Jahre Dauerflimmern in Bombays Kinos gebracht hatte.

          Bollywood ist eine Überdosis Indien

          Bombays Filmindustrie spuckt aus ihren Studios „Fimalaya“ oder „Filmistan“ mehr Streifen aus als ihr amerikanisches Gegenüber Hollywood. Sie ist eine geschlossene, manchmal ehrenwerte Gesellschaft. Und doch beweisen sich die Illusionäre Indiens als anpassungsfähig. Kaum ist die Industrie totgesagt, steht sie stärker als zuvor da.

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          Das mag daran liegen, daß Bollywood eine Traumwelt ist, der Gegenentwurf zum Elend des wirklichen Lebens. Auf der Leinwand geht, was sonst nicht geht. Die Schauspieler schmusen und schmachten und singen und tanzen und schweben. Bollywood hat den Subkontinent mit Herz und Schmerz, mit Farben und Formen, mit Mythen und Magie herausgeputzt. Bollywood ist eine Überdosis Indien, ist das Masala, von der eine Prise genügt, um aus dem Armenhaus der Welt ein hüftschwingendes Melodram der Sehnsucht zu machen, mit Augenaufschlag und ganz großer Geste. Ein schöner Schein, bei dem Gut und Böse, Liebe und Haß, zu kleinen Fluchten verhelfen. Sie dauern mindestens 180 Minuten. Und kosten keine 20 Cent Eintritt.

          Klatsch, Neid, Hoffnung - und ein Hauch von Unterwelt

          Dabei ist schon der Name Unfug. Bollywood ist die Kombination aus dem alten Bombay, das heute Mumbai heißt, und Hollywood. Bollywood ist falsch, Mollywood aber klingt nicht. Im Ausland spielt es eh keine Rolle. Da steht Bollywood für das gesamte indische Kino - statt nur für die von Bombay aus gesteuerten Hindi-Filme. Wen aber stört das? Wenn nur Schönheitsköniginnen wie Aishwarya Rai die Augen und mehr zeigen, wenn nur der indische Altstar Amitabh Bachchan den Retter gibt. Bollywood ist ungezügeltes Product Placement, ist Klatsch, ist Neid, ist Hoffnung für Millionen. Und ein Hauch Unterwelt.

          Anfang 2000 schoß ein Killer der Mumbai-Mafia auf Starregisseur Rakesh Roshan. Der hatte sich geweigert, dem organisierten Verbrechen in der Stadt Rechte an seinen Filmen abzutreten. Ein Mann stach auf seine Frau ein, nachdem sie gemeinsam den Film „Kabhi Alvida Naa Kehna“ (Sag niemals auf Wiedersehen) angeschaut hatten. Und Regisseur Karan Johar durfte tags darauf in der Regenbogenpresse sagen, er sei schockiert: „Nie hatte ich damit gerechnet, daß mein Film solche Emotionen freisetzt.“ Süßer die Kassen nie klingeln.

          Frauen ziehen Männer und Massen ins Kino

          Diese Geschichten, die sich um Bollywood ranken, sind mindestens so gut wie die Filme. Doch nimmt die Zahl ab. Denn das alte Bollywood ist dem Tode geweiht. In Zeiten, in denen sich Indien öffnet und Grenzen überschreitet, die Jugend von MTV und Internet erzogen wird, die Zensur aufweicht und Konventionen gedehnt werden, bleibt auch in der Filmindustrie nichts mehr so, wie es war. Außenseiter dringen in die Branche vor: „Fremden wie mir wird der Einstieg in Bollywood nicht leichtgemacht. Aber am Ende treibt uns diese Arroganz höchstens noch mehr an“, sagt Mallika Sherawat, die als Reema Lamba im ländlichen Indien geboren wurde. Heute ist Mallika eine der führenden Schauspielerinnen Bollywoods.

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