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Modi in Elmau : Indiens schöner Schein

  • -Aktualisiert am

Indiens Narendra Modi ist ebenfalls Gast auf dem G7-Gipfel in Elmau. Bild: Reuters

Der Westen sucht die Inder als Partner. Die wissen sehr genau, dass sie gebraucht werden. Einfach werden die Verhandlungen nicht.

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          Spräche man über einen Sportler, würde man wohl sagen, Narendra Modi habe einen Lauf. Indiens Ministerpräsident kann sich auf internationaler Bühne praktisch alles erlauben. Modi ist begehrter Gast auch der G7 in Elmau, ein gesuchtes Fotomotiv, vor allem aber ein strategischer Partner. Denn Indien wird gebraucht, und das mehr denn je. Die aufstrebende Volkswirtschaft soll zur eierlegenden Wollmilchsau werden: ein Bollwerk gegen China, ein schier unbegrenzter Markt und ein demokratischer Gegenentwurf zur wachsenden Zahl der Autokratien.

          Dabei werden schon lange beide Augen zugedrückt. Die wachsende Zahl der Menschenrechtsverletzungen von Modis Hindunationalisten scheint angesichts der Verbrechen der chinesischen Regierung nicht zu zählen. Der Einkauf von Öl und Kohle in Moskau, mit dem die Sanktionen des Westens unterlaufen werden, minimiert sich angesichts der Abhängigkeiten insbesondere Deutschlands von russischem Gas.

          Der zunehmende Verbrauch fossiler Energieträger in Indien, der das Wachstum anheizen soll, führt nur zu weiteren Milliardenzahlungen des Westens – und zu Technologietransfers, die dem Subkontinent zu einer grünen Wende verhelfen sollen. Indiens Abhängigkeit von russischen Waffen sucht der Westen zu verringern, indem er mehr und mehr amerikanisches und europäisches Kriegsgerät liefert. Dass Indien bis heute nicht gegen den russischen Angriff auf die Ukraine stimmte, wird ihm verziehen. Dass Modi es war, der 100 Millionen Arbeitsplätze versprach und nie schuf, der die Armen mit einer unnützen Geldentwertung triezte und Corona vollmundig besiegt haben wollte, bevor Millionen ihr Leben ließen, wird auch schnell vergessen.

          Richtig ist: Indien bietet unglaubliche Chancen. Daran zu arbeiten, diese gemeinsam zu heben, ist unerlässlich. Naiv indes wäre, wer glaubte, die Modi-Regierung sei ein leicht zu gewinnender Partner. Sie kalkuliert sehr genau, dass Indien in diesen Jahren mehr denn je vom Westen gebraucht wird. Schon lange laviert sie an der Grenze, das Wohlwollen zu missbrauchen.

          Indien ist kein zweites China. Doch auch mit Blick auf Neu Delhi droht dem Westen die Gefahr, sich vom schönen Schein blenden zu lassen.

          Christoph Hein
          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

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