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Indiens Commonwealth Games : Die erste Goldmedaille für Korruption

Auf der Straße in den Ruin: 6,7 Milliarden Dollar sollen die Spiele Indien kosten Bild: AFP

Die Commonwealth-Spiele zeigen Indiens Defizite. Sie hätten zum Vorzeigeprojekt des Landes werden sollen. Stattdessen versinken sie in Bürokratie und Bestechung. Gegenüber Olympia in Peking bleibt die indische Hauptstadt einen Monat vor Beginn der Spiele weit zurück.

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          Sie sollten die größte Werbung für den Subkontinent werden, doch bislang sind sie ein Desaster: Anstatt von Indiens Wiederaufstieg zu künden, fördert die Vorbereitung der Commonwealth-Spiele (CWG) in Neu-Delhi das Bild eines korrupten, bürokratischen, überforderten Landes. Großsponsoren haben sich zurückgezogen. Die australische Schwimmlegende Dawn Fraser warnte die Athleten mit Blick auf das Attentat von 1972 vor einer Teilnahme, weil sie aufgrund der Sicherheitslage ein „zweites München“ befürchte. Einen Monat vor Beginn der „kleinen Olympischen Spiele“, zu denen 15.000 Sportler und Funktionäre aus 71 Ländern des ehemaligen britischen Kolonialreiches in der Hauptstadt erwartet werden, retten sich die Ausrichter in Phrasen und Beschwichtigungen. „Unser Geld in ein riesiges Sportspektakel zu stecken klingt, als setzten wir unsere Prioritäten nicht richtig“, bringt der Milliardär Azim Premji, Gründer des Datendienstleisters Wipro, die Kritik auf den Punkt. Längst ist es Mode unter Schwellenländern, Sport zum Eigenmarketing zu nutzen. China eröffnete den Reigen mit den Olympischen Spielen 2008, Südafrika folgte mit der Fußball-Weltmeisterschaft im Sommer, 2014 wird Brasilien die Fußballer empfangen, 2016 die Olympischen Spiele veranstalten. Die Latte für Indien liegt hoch - wohl zu hoch. Während in Peking die Staatswirtschaft einen reibungslosen Ablauf Olympias garantierte, sind die Bemühungen der Politik in der größten Demokratie der Erde gescheitert. „Sobald die Spiele vorüber sind, wird die Regierung alle Vorwürfe von Missmanagement prüfen und niemanden schonen, der darin verwickelt ist“, droht Sonia Gandhi, Vorsitzende der regierenden Kongress-Partei.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          „Es gibt gute Gründe, nervös zu sein. Kein Zweifel, es wird stressig, alle Einrichtungen für die Spiele rechtzeitig fertig zu bekommen“, sagt Sheila Dikshit, die betagte, aber agile Ministerpräsidentin Neu-Delhis. Etwas anderes konnte sie nicht sagen. Denn kaum verschleiert durch die für Sportfunktionäre übliche Diktion der Diplomaten fällte Michael Fennell ein vernichtendes Urteil: „Einige Gebäude im Athletendorf könnten besser gebaut sein. Die Sanitäranlagen müssen verbessert, die Hygiene muss den höchsten Standards angepasst werden. Auch die Straßen, die Anlagen und die Sauberkeit sind zu verbessern“, sagte der Chef des Verbandes der Commonwealth Games nach seiner zweitägigen Inspektionsreise Ende August. Letztlich lieferte er damit eine treffende Beschreibung der Zustände ganz Neu-Delhis.

          Für die Spiele sollten 39 Trainingsstätten gebaut, fast tausend Kilometer Straße asphaltiert, 29 Fußgängerbrücken errichtet und gut 400 Kilometer Straßen mit Beleuchtung versehen werden. Nach einer Studie der Wirtschaftsberater von KPMG sollten die Spiele Indien einen wirtschaftlichen Schub von 5 Milliarden Dollar verleihen und 2,5 Millionen neue Arbeitsstellen zwischen 2008 und 2012 schaffen. Heute aber bauen Arbeiter 12 Stunden lang täglich Straßen rund um die Straßen und bekommen dafür knapp einen Euro am Tag. Mindestens 400.000 Slumbewohner werden für die Spiele umgesiedelt, schätzen Menschenrechtler.

          Für einen Dollar am Tag: Bauarbeiter Mitte August am Shivaji-Stadion

          Längst sind die Kosten aus dem Ruder gelaufen. Die Nation, in der immer noch 750 Millionen Menschen von weniger als 2 Dollar täglich leben, wollte 2006 rund 35 Milliarden Rupien (597 Millionen Euro) für die Spiele aufwenden. VK Varma, Generaldirektor der Spiele, spricht nun von „mehr als 2 Milliarden Dollar“. Unabhängige Analysten gehen von mehr als 4 Milliarden Euro für das Gesamtpaket aus, indische Medien erwarten inzwischen 400 Milliarden Rupien - die gigantische Summe von 6,7 Milliarden Euro.

          Ende August erklärten mit Powergrid und NTPC zwei staatliche Energiekonzerne, sie würden die zugesagten Sponsoringbeträge von 8 Millionen Dollar kündigen. Dabei bleiben sowieso praktisch nur die Staatskonzerne als Unterstützer, denen die Politik ihre Spenden als „social responsibility“ aufzwang. So zahlt die Eisenbahn ein knappes Drittel des Gesamtaufkommens, das aber seinerseits einen Monat vor Beginn der Spiele nur ein Fünftel der veranschlagten Summe erreicht hat. Die beiden Sponsoren des Organisationskomitees aus der Privatwirtschaft, Coca-Cola und Hero Honda, sind mit geringen Beträgen engagiert.

          Ein Desaster mit Ansage

          Der Merchandising-Partner blieb auf der Strecke, weil er angeblich seine Produkte nicht schnell genug an den Markt bringen konnte. Maschinen wurden zu stark überhöhten Preisen gemietet, die ein Vielfaches des Kaufpreises betrugen. Geld versank in schwarzen Löchern von Firmen, die es tags darauf nicht mehr gab. Den Tiefpunkt aber markiert die - in Indien grassierende - Bestechung im Rahmen der Spiele: Eine Anti-Korruptions-Behörde der Regierung hat jetzt schon 16 Projekte der CWG ins Visier genommen. Dabei sind die Spiele ein Desaster mit Ansage: Schon auf dem Indien-Gipfel des Weltwirtschaftsforums (WEF) im vergangenen Herbst kam es zu einem öffentlich ausgetragenen, erbitterten Wortgefecht um die Mängel der Vorbereitung.

          Als sich die Fertigstellung der Stadien Monat für Monat verzögerte, holte Dikshit den großen Hammer hervor: Unternehmen, die von nun an nicht Tag und Nacht arbeiteten, würden bei künftigen Aufträgen der öffentlichen Hand nicht mehr berücksichtigt. Ingenieuren wurde ein zusätzliches Monatsgehalt geboten, wenn sie ihre Arbeiten bis zum Beginn der Spiele beendeten.

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