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Trotz Corona : Indiens Wanderarbeiter kehren an den Arbeitsplatz zurück

Rund 120 Millionen Menschen zählen als Arbeitsmigranten im eigenen Land. Allein die Bauindustrie beschäftigt 55 Millionen Tagelöhner – unter ihnen gut 60 Prozent Frauen. Und auch jene, die sich als Hausmädchen in den wohlhabenden Haushalten der Metropole verdingten, mussten gehen – ihre Arbeitgeber hatten Angst vor Ansteckung. Im März 2020 ermittelten die Wissenschaftler, dass 42 Prozent der informellen Arbeiter kein Geld für den nächsten Tag hatten, um sich Essen zu kaufen. Von den rund neun Millionen Tagelöhnern allein in der Hauptstadt Delhi sollen mehr als 83 Prozent aus teilweise Hunderten Kilometer entfernen Dörfern kommen. „Es gehört nicht viel dazu, sich die Panik auszumalen, die Millionen von Migranten ergriff, die von Tageseinnahmen abhängig sind“, sagt Randhawa mit Blick auf die radikale Ausgangssperre. Die Internationale Arbeitsorganisation warnte, dass rund 400 Millionen Arbeiter im unorganisierten Sektor in der Corona-Krise unter die Armutsgrenze zu fallen drohten.

Anreize und Risikoprämien für Arbeiter

So bleibt immer mehr geflüchteten Arbeitern keine Wahl – sie müssen sich wieder auf den Weg machen, zurück zur Arbeit. „Hunger und Hoffnungslosigkeit treiben sie zurück in die Städte und auf die blühenden Bauernhöfe im Punjab, ungeachtet der Gefahr des Coronavirus, das sie schon in die Knie gezwungen hatte“, fasst die Zeitung „Business Standard“ die Wende zusammen. „Die Dörfer können die Ansprüche der Wanderarbeiter schlicht nicht decken“, bringt der Berater Jhoomar Mehta in Delhi die Lage auf den Punkt.

Zudem rufen die Firmen mit ihren angestammten Arbeitsplätzen immer lauter: „Rückkehrern haben wir Essen, Busse und andere Hilfen angeboten, um sie zurück an ihre Arbeitsplätze zu bringen“, sagt V.V. Benugopal, der Chef des australischen Logistikers Linfox in Indien. Im Wirtschaftszentrum Maharashtra müssen die Behörden einräumen, dass die Abwanderung zu Verzögerungen beim Fertigstellen von Bauten führt – weshalb sie den Wanderarbeitern sogar Rückflüge in Chartermaschinen anbieten. VK Yadav, der Vorsitzende der indischen Eisenbahnverwaltung, erklärte gerade, die Züge zurück in die Industriegebiete seien schon zu 70 Prozent ausgebucht, manche nach Bombay sogar deutlich überbucht: „Das ist ein gutes Zeichen, das für die Erholung unserer Wirtschaft spricht.“ In den Metropolen überfällige Arbeiten werden damit mittelfristig wieder erledigt – vom Reinigen der Straßen und Gebäude, über den Bau, bis zum Befördern von Lasten und dem Kleinverkauf, wird die Wirtschaft angekurbelt.

Was auf den ersten Blick wie die Rückkehr zur Normalität wirkt, birgt aber auch Risiken: „Die Wanderung Tausender Arbeiter aus den Städten in die Dörfer hat dort zu mehr Corona-Fällen geführt“, sagt Balram Bhargavam, Generaldirektor des Indischen Rates für Medizinische Forschung. Auch dadurch wächst die Zahl der Infektionen in Indien nun schon auf mehr als eine Million registrierter Fälle. Zugleich wird die Misere der Heimkehrer die Kosten treiben: Denn die Firmen müssen einen Produktionsausfall ausgleichen, sie müssen Rückkehrwilligen Anreize und Risikoprämien für die Arbeit zu Zeiten von Corona bieten, und sie müssen Ersatzkräfte schulen. „Rund 80 Prozent der Arbeiter in der indischen Industrie sind informell beschäftigt – sie spielen die dominante Rolle im System der indischen Fertigung. Der Anteil des informellen Sektors am Ausstoß der Industrie wird auf 40 bis 70 Prozent geschätzt“, erklärt Kannan Kumar von der London School of Economics. „Auch das zeigt das Paradox Indiens: Die Menschen brauchen Arbeit. Und zugleich gibt es viel zu wenig ausgebildete Arbeitskräfte“, sagt Randhawa.

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