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Indien : Haus mit Hüterin

Über Nacht werden in Gurgaon Geschäfts- und Fabrikviertel aus dem Bauernland gestampft Bild: AFP

Nadine Ulrich soll das German Centre in Indien auf Kurs bringen. Dort sollen sich deutsche Unternehmen ansiedeln. Die erst 28 Jahre alte Managerin verfügt über Berufserfahrung in China und hat ehrgeizige Pläne.

          Fast ist es wie bei einem Fest, auf dem man eine halbe Stunde vor Beginn eintrifft: Die Zimmer sind aufgeräumt, aber noch leer. Die Gastgeberin ist bester Laune, wirkt aber noch etwas verloren. Geht es nach ihr, wird das Haus bald voll sein. Sie jedenfalls tut alles dafür.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Eine andere Wahl bleibt ihr auch nicht. Nadine Ulrich muss eine gute Gastgeberin sein. Denn ihre Gäste sind zahlende Kunden. Mittelständler aus Deutschland, die den Markteintritt in Indien suchen. Der ist nicht einfach: „Haben Sie schon mal in die Augen des Entsandten eines deutschen Unternehmens geschaut, nachdem der zwei Wochen auf Standortsuche durch Indien gereist ist?“, fragt Ulrich. Sie tut es von Zeit zu Zeit. Und deshalb hat sie nicht den geringsten Zweifel, das richtige Produkt anzubieten: das German Centre im indischen Gurgaon, vor den Toren der Hauptstadt Neu-Delhi. Geführt wird es zu gleichen Teilen von der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) und der Bayerischen Landesbank. Seine Geschäftsführerin ist seit Juli die 28 Jahre alte Deutsche.

          Erfolg aus der Lage von Schalen lesen

          Das German Centre in der drittgrößten Wirtschaftsnation Asiens besteht aus zwei Büroetagen. Hergerichtet in feinstem Design, mit aller Technik, in einem glitzernden Bürohaus – all das allein ist schon bemerkenswert in Indien. Es aufzubauen aber war eine lange, schwere Geburt. Vor Jahren schon wollte die damalige Südwestdeutsche Landesbank ein Zentrum für den Mittelstand in der Wirtschaftsmetropole Bombay (Mumbai) gründen. Dort aber gab es Streit um ein Grundstück. Im nächsten Anlauf, ausgerechnet zur Hochphase des indischen Immobilienbooms, mieteten LBBW und Bayern dann die Etagen in Gurgaon an. Eröffnet werden sollte das Zentrum im vergangenen Dezember, auf der Reise einer Wirtschaftsdelegation aus Baden-Württemberg.

          Tage vorher kam es zu den verheerenden Anschlägen auf die Hotels in Bombay, die Reise wurde abgeblasen. Dann schlug die Wirtschaftskrise zu, Auslandsinvestoren in Indien wurden Mangelware. In Stuttgart und München wechselten die Vorstandsvorsitzenden, setzten neue Prioritäten. Die Bayerische Landesbank zog sich sogar ganz aus Asien zurück – ein Büro in teuerster Lage von Bombay wurde im Dezember eröffnet, um es im Januar wieder zu schließen. Schließlich musste auch der Gründungsgeschäftsführer des Zentrums in Delhi gehen. Als reichte das alles nicht, sagten die Bayern vergangene Woche auch noch ihre für Ende Oktober geplante Unternehmerreise nach Indien ab – „zu wenig Interesse“, hieß es.

          Nadine Ulrich kann all das nicht aus der Ruhe bringen: „Genau deswegen sind wir doch hier: Wir wollen eben in schwierigen Zeiten und unter schwierigen Umständen dem Mittelstand Wege in ein für ihn neues Land öffnen.“ Das klingt nicht trotzig, nicht tapfer, sondern zuversichtlich. Hat nicht auch der Hindu-Priester, der das Zentrum gerade segnete und dabei eine Kokosnuss auf den Marmorboden schmetterte, nur Gutes vorausgesagt? „Aus der Lage der Schalen las er, dass wir überaus erfolgreich werden.“

          Aus dem Staub wachsen Bürotürme

          Dafür ist die junge Deutsche gut gerüstet: Ein paar Jahre hat sie im German Centre in Peking gearbeitet, das der LBBW gehört. Dann wechselte sie als „Aufbauhelferin“ für ein halbes Jahr nach Gurgaon. Als dort der erste Geschäftsführer im Sommer seinen Hut nehmen musste, bekam Ulrich die größte Chance ihres noch kurzen Berufslebens – und griff zu. „Ich wusste genau, auf was ich mich in Indien einließ.“ Das scheint ihr die notwendige Ruhe zu geben. Selbst wenn der Briefträger seine Post nur noch ausliefern will, wenn er mit ein paar Rupien extra geschmiert wird – in Indien ist so etwas Alltag. „Wir wählen halt ab jetzt einen Kurierdienst“, entscheidet Ulrich knapp. Und fügt an: „Manches in Indien kann man nur wegstecken, wenn man das Ganze als soziale Studie betrachtet.“ Dann zieht sie einen Vergleich mit Peking, ihrem bisherigen Arbeitsort: „In China ist es schon schwierig, ein Ziel vorzugeben, ohne die Schritte dorthin festzulegen. In Indien ist das völlig unmöglich.“

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