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Geostrategie : Indien versucht China die Grenzen aufzuzeigen

Verloren im Indischen Ozean: 1100 Kilometer nördlich von Mauritius gelegen, beschäftigen diese Inseln derzeit Politiker, Militärs und Strategen. Bild: Reuters

Fisch, Bodenschätze, vor allem aber Öltransporte müssen gesichert werden. Deshalb wird der Indische Ozean zum strategischen Aufmarschgebiet – Indien will China so die Stirn bieten.

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          Zwei winzige Eilande mit 289 Einwohnern, verloren im Indischen Ozean, 1100 Kilometer nördlich von Mauritius gelegen, beschäftigen derzeit Politiker, Militärs und Strategen. Denn die Agaléga-Inseln dokumentieren die neue Rolle, die Indien, gedrängt von seinen demokratischen Partnern, in der Geoökonomie übernehmen soll: Die drittgrößte Volkswirtschaft Asiens wird sich am Einbremsen Pekings beteiligen und dafür unter anderem mit Investitionen belohnt. Satellitenbilder zeigen, dass Indien auf den Atollen eine Landebahn und zwei Schiffsanleger baut. Damit scheinen die Inder in kleinem Maßstab dem zu folgen, was China seit Jahren mit seiner Landnahme im Südchinesischen Meer und im Westpazifik vormacht: Ein für die Weltwirtschaft entscheidender Raum wird durch Militärbasen abgesichert, die Stück für Stück ausgebaut werden.

          Christoph Hein
          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Die strategische Bedeutung des Indischen Ozeans wurde lange Zeit unterschätzt. Dabei ist er das Tor des Handelsweges zwischen Europa und den Öl-Ländern auf der einen und der Fabrik der Welt auf der anderen Seite – ohne Öl- und Gas-Nachschub geriete sie innerhalb von Tagen ins Stottern. Peking hat das sehr früh erkannt und seinen Einfluss im Indischen Ozean erhöht. Nach der Landnahme im Südchinesischen Meer und seinen wachsenden Aktivitäten etwa durch den Bau von Infrastruktur und das Entsenden von Unterseebooten im Indischen Ozean steigt nun das Interesse der Demokratien an dem riesigen Seegebiet. Ist es doch entscheidender Teil des Indopazifik-Raums, der 60 Prozent der Wirtschaftsleistung der Welt erzeugt und gut zwei Drittel zu deren Wachstum beiträgt. Es geht nicht nur um Schifffahrtslinien. Sondern auch um die Versorgung von Milliarden von Menschen mit Fisch, Bodenschätze und Tourismus. Mit China, Japan und Indien liegen hier drei der vier größten Volkswirtschaften jenseits der Europäischen Union.

          Marine-Manöver in Chinas Vorhof

          Trotz aller internen Probleme wie der seit Langem schwächelnden Wirtschaft und der Corona-Katastrophe bemüht sich Indien nun, eine immer stärkere Rolle in der Region zu spielen. Pekings Verhalten hat Neu Delhi gelehrt, dass es seinen wirtschaftlichen Aufschwung nicht ohne Absicherung seiner Ressourcen wird fortsetzen können – so ist es beispielsweise auf enorme Lieferungen von Öl und Gas über den Seeweg angewiesen. Zugleich machen die Verbündeten, der Viererbund Quad gemeinsam mit den Demokratien Amerika, Australien und Japan, aber auch Europa immer mehr Druck auf Neu Delhi, weil sie in ihm einen Verbündeten sehen. Tony Abbott, der frühere australische Ministerpräsident, inzwischen Sondergesandter für den Handel mit Indien, sagte am Montag, die „Antwort auf praktisch jede Frage zu China heißt Indien“. Deshalb spricht er sich offen für engere militärische Beziehungen, aber auch für einen verstärkten Handel aus: „Da es bei Handelsabkommen nicht nur um Wirtschaft, sondern auch um Politik geht, wäre ein schnelles Handelsabkommen zwischen Indien und Australien ein wichtiges Zeichen dafür, dass sich die demokratische Welt von China abwendet.“

          Bild: lev

          Indiens Ministerpräsident Narendra Modi leitete am Montag erstmals die Sitzung des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen (UN) zum Thema maritime Sicherheit. Angesichts der Bedeutung des Indischen Ozeans schicke sich Indien an, eine „maritime Nation“ zu werden, kommentierten dazu indische Medien. Tage zuvor war die INS Vikrant, der erste in Indien gebaute Flugzeugträger, zu Testfahrten vor Kochi in See gestochen. Wichtiger noch: Das Verteidigungsministerium in Neu Delhi kündigte an, Indien werde gemeinsam mit seinen Quad-Partnern noch in diesem Jahr im Westpazifik das Marine-Manöver „Malabar“ abhalten. Mit Vietnam, den Philippinen, Singapur und Indonesien werden die Inder dann eigene Manöver in Chinas Vorhof, dem Südchinesischen Meer, durchführen.

          China die Stirn bieten

          Im Vergleich zum westlichen Pazifik wurde der Indische Ozean, durch den das meiste Öl der Welt verschifft wird, bislang vernachlässigt. Peking allerdings hat auch hierher schon frühzeitig seine Arme ausgestreckt: Die Volksbefreiungsarmee betreibt in Djibouti eine „Versorgungsbasis“ direkt am Golf von Aden. Chinesen entwickeln den Hafen Gwadar in Pakistan als Endpunkt ihres mit bis zu 80 Milliarden Dollar ausgebauten Wirtschaftskorridors im Nachbarland. Und auf Sri Lanka, mitten im Vorhof Indiens, hat sich China mit dem Hafen Hambantota einen wichtigen Stützpunkt gesichert. Die Amerikaner haben sich längst die Militärbasis Diego Garcia gesichert, die für Marine und Flugzeuge ausgerüstet wurde.

          So wie Peking über Jahre, bestreiten nun auch Indien und Mauritius, zu dem Agaléga gehört, militärische Absichten. Doch lassen die gut 3000 Meter lange Landebahn für Boeing 737 oder Airbus A321 sowie Gebäude für Kommunikations- und Überwachungstechnik wenig Fragen offen. „Es ist der perfekte Ort für eine Militärbasis. Zusammen mit anderen indischen Operationsbasen ist sie extrem wichtig“, sagt Samuel Bashfield von der Australischen National-Universität. Abhishek Mishra von der indischen Denkfabrik Observer Research Foundation berichtet, die Inseln würden als Basis für indische Aufklärer genutzt werden. Ein Inselbewohner, Arnaud Poulay, erklärt gegenüber der Agentur Al Jazeera: „Niemand von Agaléga ist dafür geschult, in so einem Hafen zu arbeiten. Es ist klar, dass das Inder machen werden.“

          Angesichts seiner Auseinandersetzungen mit Peking hofiert Australien Indien zunehmend. Abbott forderte Indien denn auch schlicht auf, den „ihm zugedachten Platz“ auf der Welt einzunehmen und damit China die Stirn zu bieten. Peking habe „den guten Willen und das Wunschdenken des Westens ausgenutzt, um unsere Technologie zu stehlen und unsere Industrien zu untergraben“.

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