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Indien bannt chinesische Apps : Wird Tiktok zum neuen Huawei?

Demonstranten im indischen Jammu verbrennen Bilder von Xi Jinping. Bild: AP

Hunderte Millionen Nutzer und Milliarden Dollar gehen dem chinesischen Konzern in Indien verloren. Die Manager verteidigen sich mit einer ähnlichen Strategie wie Huawei. Indische Ersatz-Apps wachsen derweil rasant.

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          Tiktok, die bekannteste App unter den 59 Applikationen, die die indische Regierung jüngst verboten hat, wehrt sich. Dabei schlagen die Manager einen Weg ein, der an denjenigen des chinesischen Telekommunikationsausrüsters Huawei erinnert. Auch er wehrt sich mit Beteuerungen, unabhängig von der kommunistischen Regierung Pekings zu arbeiten, gegen wachsende Einschränkungen in Demokratien.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Das Verbot der Apps könnte auf der ganzen Welt Nachahmer finden und für die Unternehmen gefährlich werden. Allein in Indien halten chinesische Apps 38 Prozent der Nutzer der führenden 200 Apps. Tiktok, die wichtigste App im Wachstumsmarkt Indien, drohen angeblich Verluste von bis zu 6 Milliarden Dollar, wenn sich nun Hunderte Millionen Nutzer auf dem Subkontinent aus Tiktok verabschieden müssen.

          Tiktok wehrt sich wie Huawei

          Das Unternehmen erklärte, seine Daten würden in einem der Zentren des südostasiatischen Stadtstaates Singapurs gehütet, und nicht etwa in China, wo die App auch gar nicht angeboten wird. Singapurs Regierung ist bemüht darum, sich im Tauziehen zwischen Amerika und China so neutral wie möglich zu verhalten. Auch wenn sie 76 Prozent ethnischer Chinesen als Bevölkerung zählt, weiß die reiche Insel sehr genau, dass diese Unabhängigkeit ihr Kapital ist.

          Demonstranten im indischen Jammu

          „Ich kann bestätigen, dass die chinesische Regierung uns niemals nach Daten indischer Tiktok-Nutzer gefragt hat“, betonte der neue Tiktok-Vorstandschef Kevin Mayer nun. „Sollten wir in Zukunft solch eine Aufforderung bekommen, würden wir darauf nicht reagieren.“ Auf dem Subkontinent beschäftigt Tiktok laut Mayers Angaben 3500 Menschen und verfügt über Dienste in 14 Sprachen. Mayer versprach in einem Brief an die indische Regierung noch einmal, auch in Indien ein eigenes Datenzentrum bauen zu wollen.

          Der chinesische Eigentümer von Tiktok, Bytedance in Peking, hat in Indien eigenen Angaben zufolge mehr als eine Milliarde Dollar investiert. Auch die chinesischen Betreiber anderer der nun verbotenen Apps wie Alibaba, Tencent oder Baidu, sind betroffen, Bytedance aber steht im Mittelpunkt. Allein im Mai hatte die erst 2017 auf den Markt gekommene Tiktok-App mehr als 100 Millionen zusätzliche Nutzer in Indien gewonnen, mehr als doppelt so viele wie in Amerika.

          Ist Indien nur der Anfang?

          Doch könnte der Bann der indischen Regierung noch viel schlimmere Folgen haben: Dann, wenn Indien nur der Anfang war. In Amerika fordern Abgeordnete die Trump-Regierung schon lautstark auf, Tiktok und andere „China-Apps“ ebenfalls zu verbieten. Am Horizont droht ein Schicksal wie dasjenige Huaweis, der als Ausrüster in Indien, Australien oder Amerika mit einem Bann belegt ist.

          Das Verbot in Indien trifft Tiktok zu einem Zeitpunkt, an dem die Bedenken in mehreren westlichen Ländern wegen möglichen Missbrauchs über die gerade von Jugendlichen eingespeisten Videos sowieso schon stiegen. Auch kommen immer wieder Warnungen auf, Tiktok spioniere die Nutzer aus und stehle Daten – oder ermögliche dies. Und das zu einem Zeitpunkt, an dem die Regierung Chinas das Ausspionieren anderer Länder, Unternehmen und Privatpersonen auf die Spitze treibt. In Amerika erregte die Nachricht Aufsehen, dass Trump-Gegner die App eingesetzt hätten, um ihn im Wahlkampf zu schädigen.

          Ersatz-Apps boomen

          Das Verbot trifft auch Hundertausende Influencer und indische Videostars, die mit Tiktok Geld verdienen. Auf der anderen Seite stehen aber auch Gewinner: Findigen Inder werden sehr schnell zu hausgemachten eigenen Apps strömen, die nun eine unerwartete Chance erhalten. So verzeichnete die indische Reposo innerhalb von 48 Stunden nach dem Tiktok-Bann sagenhafte 22 Millionen zusätzliche Nutzer. Die in Bangalore entwickelte Chingari existiert seit 22 Tagen und verkündet, schon mehr als zehn Millionen Nutzer zu haben. Täglich kämen mehr als 700000 hinzu. Tiktik Made in India, die nach dem Bann als direkte indische Konkurrenz auf den Markt kam, zählte am Samstag 50000 Menschen, die sie heruntergeladen hatten. Eigentlich hatte ihr Gründer seine App über Tiktok in Indien vermarkten wollen – was nun nicht mehr geht.

          Ministerpräsident Narendra Modi forderte die Gründerszene in Indien über Linkedin auf, nun verstärkt eigene Apps als Ersatz zu entwickeln. Er sprach von einer „guten Gelegenheit“ für einen „Innovationswettkampf für ein Indien der Selbstversorgung“ (Aatmanirbhar Bharat). Auf diesem Weg will die Regierung zum einen innerhalb eines Monats „gute Apps“ auswählen, die gefördert werden sollen. Zum anderen will sie die Entwicklung neuer Apps unterstützen.

          Kurz zuvor hatte Industrieminister R.K. Singh nun auch Einfuhren chinesischer Bauteile für Kraftwerke ausgeschlossen. Sie seien anfällig für Cyberangriffe, Kraftwerke gleichzeitig aber von strategischer Bedeutung. Zuvor war schon die Beteiligung chinesischer Unternehmen am Straßenbau untersagt worden – viel wichtiger sind indes die Lieferungen von Elektronik und Stoffe für die Pharmaindustrie. Der wachsende Bann in Indien geht zurück auf die Idee des Lehrers Sonam Wangchuk, der ihn wegen der Menschenrechtsverbrechen Pekings angeregt hatte. Durch die Grenzkämpfe in Ladakh ist der Streit weiter eskaliert.

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