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Indien : Ambani gegen Ambani

  • Aktualisiert am

Anil (links) will mehr Macht von seinem Bruder Mukesh Ambani Bild: ap

Die Brüder Ambani leiten einen der profitabelsten Konzerne der Erde und gehören zu den reichsten Männern der Welt. Doch die beiden sind sich spinnefeind. Es geht um Macht, Besitz und Anerkennung.

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          Nun kann nur noch Muttern helfen. Ganz wie im richtigen Leben könnte ein mütterliches Machtwort einen Bruderzwist klären, der das Wirtschaftsleben Indiens in Atem hält: Ausgerechnet die Führungsspitze des größten indischen Privatkonzerns mit Namen Reliance Industries Inc. ("Vertrauen") hat jegliches Vertrauen verspielt: Das Brüderpaar Mukesh und Anil Ambani, das den Mischkonzern als Chairman und Vice-Chairman führt, ist sich spinnefeind. Sie sprechen nicht mehr miteinander, ihre Leutnants und Berater aber senden E-Mails an die Belegschaft oder lancieren Stellungnahmen in die Medien. "Die beiden müssen ihren Streit alleine ausfechten, vielleicht mit Hilfe ihrer Mutter", sagt Rahul Bajaj, einer der führenden Unternehmer des Landes und Vertrauter des Ambani-Clans.

          Für die indische Wirtschaft ist der Streit viel mehr als das Gesprächsthema in den Kaffeepausen von Konferenzen: Denn er könnte das Ansehen der gesamten Unternehmenslandschaft untergraben. Und dies zu einem Zeitpunkt, an dem das zarte Pflänzlein Aufschwung in Indien sprießt, die Regierung um Vertrauen in ihre Politik, die Wirtschaft und das Land insgesamt wirbt wie nie zuvor. Der Nerv des indischen Wirtschaftslebens ist gereizt: Anders etwa als China mit seinen Staatskonzernen prägen es Familiendynastien wie die Tatas, die Bajajs oder eben die Ambanis. Sie alle haben sich bisher international große Achtung erworben. Diese drohen die Ambanis zu verspielen, und das in einer Phase der globalen Expansion ihres Konzerns, der 1958 als Händler für synthetische Fasern begonnen hatte.

          Einer der profitabelsten Konzerne

          Es geht um Macht, es geht um Besitz und um Anerkennung. Es geht um ein Konglomerat, dessen Aktivitäten von Petrochemie über Versicherungen bis zur Telekommunikation reichen und an dem die Familie über ein Knäuel von Stiftungen und Beteiligungen 47 Prozent hält. Reliance erwirtschaftet 3,5 Prozent des indischen Bruttoinlandsproduktes, zahlt fast ein gutes Zehntel der indirekten Steuern im Lande und steht für 6 Prozent aller indischen Exporte.

          Der Konzern gilt mit 23 Milliarden Dollar Jahresumsatz und 1,4 Milliarden Dollar Reingewinn als einer der profitabelsten der Erde - seit 1999 legt der Überschuß jährlich um 25 Prozent zu. In Deutschland hat er erst vor wenigen Monaten für 80 Millionen Dollar den Faserspezialisten Trevira GmbH gekauft.

          Im Maybach durch die Slums

          Der jüngere Bruder, Anil Ambani, führt das Tochterunternehmen Reliance Energy Ltd. (REL). Er drängt, so viel dringt nach außen, nun aber darauf, seinen Einfluß auf den Mutterkonzern Reliance Industries Ltd. (RIL) ausbauen zu dürfen. Den führt Bruder Mukesh, genauso wie er den 20 bis 30 Stiftungen vorsteht, die hinter der Muttergesellschaft stehen. Damit fühlt er sich weitgehend unangreifbar und kann so jeden Anspruch des Jüngeren abprallen lassen: "Mein Vater hat zu Lebzeiten alle Fragen des Eigentums eindeutig festgelegt."

          Beiden kann es nicht um Geld gehen, davon haben sie mehr als genug: Mit einem Vermögen von 6 Milliarden Dollar wird das Brüderpaar auf Rang 65 in der Forbes-Liste der Reichsten der Erde geführt. Mukesh hat im April als zweiter indischer Geschäftsmann den Maybach von Daimler-Chrysler bestellt, für angeblich 58,5 Millionen Rupien (1 Million Euro). Nun kann er sich täglich in weiches Leder gebettet von seinem Haus in Süd-Bombay zum Firmensitz in Navi chauffieren lassen - will er die Slums nicht sehen, zieht er die Vorhänge zu.

          Schmutzige Wäsche

          Als Wharton-Abgänger Anil 1983 ins Unternehmen kam, saß Stanford-Absolvent Mukesh schon seit zwei Jahren dort. Beim Begräbnis von Vater Dhirubhai im Sommer 2002 hatte Mukesh öffentlich gesagt: "Anil ist für mich wie mein eigener Sohn." Nun wird schmutzige Wäsche gewaschen.

          Nach unbestätigten Berichten wandte sich Anil im Spätsommer in einem vierseitigen Brief gegen einen Versuch Mukeshs, die Führungsstruktur umzubauen. In einer E-Mail an alle 80.000 Mitarbeiter des Konzerns betont Anil nun, er sei mehr, als nur reicher Sohn: "Wir sind nicht bloße Erben. Wir haben das Unternehmen gemeinsam mit unserem Vater aufgebaut." Angesichts der verfahrenen Situation aber scheint nur noch Beten zu helfen: "Ich habe die heiligen Tempel in Shreenathji und Tirupati Balaji besucht und gebetet für Frieden und Ruhe für uns alle, und für den Mut, das großartige Erbe unseres geliebten Vaters Dhirubhai zu erhalten und zu mehren", teilt Anil seinen Angestellten mit.

          Ein neues Kapitel

          Noch sind die Gebete nicht erhört, noch sind Frieden und Ruhe nicht eingekehrt: Als die Gerüchte über den Bruderzwist nicht mehr zu überhören waren, brachen die Aktien der verschiedenen Gesellschaften des Konglomerates um bis zu 11 Prozent ein. Mehr als eine halbe Milliarde Dollar lösten sich in Nichts auf. Das ging ans Eingemachte, an den Reichtum der Ambanis. "Reliance ist unumstößlich darauf ausgerichtet, die Interessen der Millionen von Aktionären zu schützen, und diese wissen, daß die jüngsten Verluste der Marktkapitalisierung voll auszugleichen sind", ließ Mukesh sofort über eine Zeitung verbreiten.

          Über die Internetseite beeilte er sich, "allen Beteiligten zu versichern, daß die Grundlagen von Reliance sehr, sehr stark bleiben." Als aber sechs der zwölf Direktoren der von Anil geführten REL kurz darauf zugleich ihren Rücktritt erklärten, schien ein neues Kapitel aufgeschlagen. Die REL-Aktie verlor sofort 6 Prozent, die von RIL gut 2 Prozent an der Börse in Bombay. Viel Zeit verging nicht, da bat der Mutterkonzern RIL sie alle, ihre Arbeit wiederaufzunehmen. Indische Zeitungen spekulieren, der kollektive Rücktritt sei ein Schachzug Anils gewesen, um Mukesh seine Macht zu demonstrieren und eine Vertrauenszusage an sein Team zu erpressen. Und Anil diktierte den Reportern mit Blick auf die Eskalation in den Block: "Es sind schon lange Stunden vergangen, und es stehen uns noch viele lange Tage bevor." Er könnte recht behalten.

          "Anil ist für mich wie mein eigener Sohn."

          Mukesh Ambani im Sommer 2002

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