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Diplomatischer Konflikt : In Spanien könnte das Gas knapper werden

Demonstrationen in Madrid gegen die steigenden Strompreise Ende September: Ein Mann hält die spanische Nationalflagge in die Höhe Bild: AP

Algerien wird seine Gaslieferungen nach Spanien im Oktober reduzieren. Im Südwesten Europas machen sich die Auswirkungen der schweren diplomatischen Krise zwischen Algerien und seinem regionalen Rivalen Marokko bemerkbar.

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          In Spanien ist der kräftige Anstieg des Strompreises nicht zu stoppen. Das liegt auch am Preis für das Erdgas, das auf der Iberischen Halbinsel bald knapper werden könnte. Denn Algerien wird seine Lieferungen im Oktober reduzieren. Das trifft Spanien besonders hart, denn es bezieht derzeit rund 45 Prozent seines Erdgases aus dem nordafrikanischen Land. Eigentlich ist Algerien ein verlässlicher Lieferant. Doch nun machen sich im Südwesten Europas die Auswirkungen der schweren diplomatischen Krise zwischen Algerien und seinem regionalen Rivalen Marokko bemerkbar.

          Hans-Christian Rößler
          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Die Regierung in Algier brach Ende August ihre Beziehungen zum Nachbarland ab, die schon seit vielen Jahren angespannt waren. Vor wenigen Tagen sperrte sie sogar den algerischen Luftraum für marokkanische Flugzeuge. Algier wirft Marokko vor, Separatisten in Algerien zu unterstützen, die Regierung auszuspionieren und der „Brückenkopf Israels“ im Maghreb zu sein; dazu kommt der eskalierte Westsahara-Konflikt, in dem Algerien die Polisario-Befreiungsfront unterstützt, die wieder gegen Marokko kämpft.

          Von Ende Oktober an soll kein algerisches Erdgas mehr durch die 1400 Kilometer lange Maghreb-Europa-Pipeline strömen. Sie führt von Algerien durch Marokko unter der Meerenge von Gibraltar nach Tarifa in Spanien und von dort aus zum Teil weiter bis nach Portugal. Algerien will Marokko nicht mehr von seinem Gas profitieren lassen und verlängert den lukrativen Vertrag über die Fernleitung nicht mehr: Bisher durfte Marokko 7 Prozent des transportierten Rohstoffes behalten, das damit fast die Hälfte seines Bedarfs deckte.

          Gas mit Tankschiffen nach Spanien?

          Der algerische Nachschub für Spanien wird künftig nur noch durch die gut 750 Kilometer lange Medgaz-Leitung von Beni Saf unter dem Mittelmeer hindurch in die spanische Hafenstadt Almería fließen. Eigentümer sind das algerische Staatsunternehmen Sonatrach sowie der spanische Stromversorger Naturgy zusammen mit einem Investmentfonds.

          Die Kapazität dieser Pipeline wurde gerade von 8000 auf 10.000 Millionen Kubikmeter im Jahr ausgeweitet. Das macht jedoch nur einen Teil der 8700 Millionen Kubikmeter wett, die bisher jedes Jahr durch die zweite Leitung über Marokko nach Spanien gelangt waren. Alternativ ist es möglich, einen Teil zu verflüssigen und mit Tankschiffen nach Spanien zu bringen. Das ist aber aufwendig und teuer. Bislang geschah das nur mit 4 Prozent der spanischen Importe.

          „In Spanien wird es keine Versorgungsprobleme geben, da wir über ausreichende Möglichkeiten zur Verflüssigung von Erdgas verfügen. Aber angesichts der angespannten Lage auf dem Gasmarkt kann dies den Druck auf die Preise erhöhen“, sagte der spanische Energieexperte Gonzalo Escribano der F.A.Z. Dramatischere Ausschläge erwartet der Direktor des Programms für Energie- und Klimafragen beim Madrider Elcano-Institut nicht. Aber die jüngste Entwicklung „könnte die Gaspreise vor dem Hintergrund von Märkten, die bereits Rekordpreise erreicht haben, gelegentlich nach oben drücken“, erwartet der Fachmann des Madrider Thinktanks. Das werde aber auch davon abhängen, wie die Politiker reagieren.

          Keine Panik

          In Madrid ist keine Panik zu spüren. Ende September reiste der spanische Außenminister José Manuel Albares zusammen mit den Chefs von Naturgy und des staatlich kontrollierten Betreibers der Gasleitungen Enagás nach Algier. Dort versicherte die algerische Führung, alles zu tun, um ihre Lieferzusagen einzuhalten. Wie eng die Beziehungen mittlerweile sind, belegen die jüngsten Zahlen: Bis Juli hat Spanien schon mehr Erdgas aus Algerien importiert als im gesamten Jahr 2020. Algerien ist der wichtigste Erdgas-Lieferant Spaniens. Danach folgen Nigeria, Russland, die USA und Qatar.

          Die Bezugsquellen variieren. Das ist in Spanien gesetzlich vorgeschrieben. Aus keinem Land dürfen mehr als 50 Prozent importiert werden, um eine zu große Abhängigkeit zu vermeiden. So hatten noch vor wenigen Jahren die USA zusammen mit Qatar Algerien überholt. Deshalb verfügt Spanien auch über eine Logistik, die es von den Pipelines unabhängiger macht. In fünf großen Häfen stehen Verflüssigungsanlagen bereit, dazu gibt es die größte Flotte der Tankschiffe in der EU. Das Oxforder Institute for Energy Studies warnt jedoch, dass Algerien kurzfristig nicht in der Lage sei, seine Gasverflüssigung deutlich zu erhöhen.

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