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Höhere Geburtenraten : In reicheren Regionen kommen wieder mehr Kinder zur Welt

Auf der Integrativen Wochenstation der Universitätsfrauenklinik in Leipzig liegen wenige Stunden alte Babys auf einem Bett. Bild: dpa

Wo Einkommen und Bildung hoch sind, werden weniger Kinder geboren – das stimmte lange Zeit. Jetzt scheint es eine Trendwende zu geben. Woran liegt das?

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          Seit Jahren steigt die Geburtenrate in Deutschland – so weit, so gut. Neu ist: Auch in wohlhabenden Regionen kommen wieder mehr Kinder zur Welt. Das überrascht, denn lange Zeit war das genaue Gegenteil zu beobachten. Sind Einkommen und Bildung hoch, werden weniger Kinder geboren – obwohl die Ressourcen vorhanden wären.

          Jessica von Blazekovic

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          So fiel die Geburtenrate im 20. Jahrhundert in fast allen hochentwickelten Ländern zum Teil deutlich bis unter das „Bestandserhaltungsniveau“ von 2,1 Kindern je Frau. Dieses ökonomisch-demografische Paradoxon bereitet der Wissenschaft seit jeher Kopfschmerzen. 

          Eine Studie legt nun nahe, dass der Zusammenhang überholt sein könnte. Künftig könnte demnach steigendes Einkommen nicht mehr zu niedrigeren Geburtenraten führen. Forscher des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung und der Freien Universität Berlin fanden heraus, dass zwischen 1990 und 2012 in rund 250 europäischen Regionen dort, wo das Entwicklungsniveau hoch ist, mit wachsendem Wohlstand auch die Zahl der Kinder je Frau gestiegen ist, oder zumindest die Stärke des negativen Trends nachgelassen hat. Dabei wurde untersucht, wie sich ein Anstieg des durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommens in einer Region auf die dortige Geburtenrate auswirkt. 

          Auch die Migration trägt dazu bei

          Das Ergebnis für Deutschland: Werden der Westen und der Osten gemeinsam ausgewertet, beeinflusst ein höheres Einkommen die Fertilität weiterhin negativ. Das führen die Forscher insbesondere auf die erheblichen Einkommensunterschiede zwischen den alten und neuen Bundesländern sowie eine historisch niedrige Geburtenrate im Osten nach der Wende zurück. Für sich betrachtet, ist jedoch in beiden Regionen eine Trendumkehr zu beobachten, die sich mit den Ergebnissen für fast alle anderen untersuchten europäischen Länder deckt. In Westdeutschland ist demnach der negative Zusammenhang verschwunden, während im Osten sogar ein positiver Trend zu erkennen ist. 

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          Schneller schlau : Die Altenwelle Bild: F.A.Z.

          „Einen Teil der Erklärung dafür liefert die Beobachtung, dass deutsche Mütter ihren Kinderwunsch nicht länger aufschieben“, sagte Mikko Myrskylä, Max-Planck-Direktor und einer der Verfasser der Studie, zu FAZ.NET. Die Forscher begründen die Trendwende aber vor allem mit einer fortschrittlicheren Familienpolitik und flexibleren Arbeitsbedingungen. So würden einem Doppelverdienerpaar Angebote zur Kinderbetreuung oder ein Rückkehrrecht aus die alte Arbeitsstelle mehr helfen, als unspezifische Geldzahlungen, heißt es in der Studie. Letztere hätten bislang den negativen Zusammenhang noch verstärkt, da vor allem einkommensschwache Haushalte davon Gebrauch gemacht hätten. Gleichzeitig habe das Internet die Arbeit von zuhause aus ermöglicht und seien Unternehmen familienfreundlicher geworden. „Dies alles gibt den Eltern Sicherheit für ihre zukünftige Karriere“, sagte Myrskylä. 

          Nur in Finnland tut sich nichts

          Der Wissenschaftler betonte, dass sich auch die Migration aus dem Ausland positiv auf die Geburtenrate besonders in hochentwickelten Regionen auswirken könne, da sie das bevorzugte Ziel von Einwanderern seien. Für abgelegene Regionen sei eine gegenteilige Entwicklung zu beobachten – hier wanderten vor allem gut ausgebildete Menschen ab, was sich negativ auf den Partnermarkt und die Geburtenraten niederschlage.

          Die Studie zeigt aber auch große Unterschiede innerhalb Europas. So wird in Belgien, Frankreich, Österreich und Portugal schon für die frühen neunziger Jahre ein positiver Zusammenhang zwischen Einkommen und Geburtenraten beobachtet, während sich in den meisten anderen Ländern – besonders in Ost-, Mittel- und Südeuropa – der negative Zusammenhang zwar zügig abschwächt, aber noch nicht in einen positiven umgeschlagen ist. Nur in Finnland hat sich der negative Trend sogar verstärkt. 

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