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Mangel an Berufskraftfahrern : Das Führerhaus ist nur schwer zu besetzen

  • -Aktualisiert am

Viele dieser Lkw-Führerhäuser könnten in Zukunft leer bleiben. Bild: dpa

In der Speditionsbranche herrscht Personalmangel. In Deutschland fehlen etwa 50.000 Berufskraftfahrer. Das hat auch etwas mit der Aussetzung der Wehrpflicht zu tun.

          3 Min.

          Die Zeiten für Spediteure und Logistiker sind gut. Da die Wirtschaft immer noch rundläuft, müssen sehr viele Waren transportiert werden. Dazu sind Lastwagen notwendig und natürlich Fahrer. Doch die Lastwagenlenker sind Mangelware in Deutschland und werden deshalb händeringend gesucht. Es fehlen rund 50.000 Berufskraftfahrer in Deutschland, wie Dirk Engelhardt, Vorstandssprecher vom Bundesverband Güterkraftverkehr, Logistik und Entsorgung (BGL), mitteilt.

          Um die Lücke zu schließen, setzt die Branche unter anderem auf Ausbildung. Das mittelständische Speditionsunternehmen Alfred Schuon GmbH mit Sitz im baden-württembergischen Haitersbach bietet neben der klassischen dreijährigen Ausbildung künftig gleichfalls ein Modell an, um auf bestimmte Zielgruppen zuzugehen.

          „Wir setzen gezielt auf Hauptschüler, denn bei vielen von ihnen ist das Interesse für den Job da. Sie entscheiden sich nur deshalb für einen anderen Beruf, weil sie zu jung sind, um den Führerschein zu machen“, sagt Ausbildungsleiter Martin Birkle. Die jungen Leute sind normalerweise erst 15 oder 16 Jahre alt. Das kombinierte Ausbildungsangebot sieht zunächst die reguläre zweijährige Lehre zum Fachlageristen vor und anschließend die zweijährige Ausbildung zum Berufskraftfahrer. Die übliche Ausbildungsdauer für diesen Beruf wird um ein Jahr verkürzt.

          Schlechte Organisation macht Fahrern das Leben schwer

          Das Familienunternehmen Schuon-Gruppe, mit rund 500 Mitarbeitern, davon mehr als 400 Fahrern, beschäftigt derzeit drei angehende Berufskraftfahrer, ausgebildet werden können aber bis zu sechs junge Leute. Das Unternehmen will mit dem neuen Angebot nicht nur auf Zeit gewinnen. Gleichzeitig soll die Übernahme der Kosten für den Auto- und Lastwagenführerschein einen Anreiz für Bewerber schaffen, sich für das Unternehmen als Arbeitgeber zu entscheiden. Ausbildungsleiter Birkle beziffert allein die Kosten für den Lastwagenführerschein auf bis zu 5000 Euro.

          In Deutschland sind Ende 2017 mehr als 565.000 Fahrer sozialversicherungspflichtig beschäftigt gewesen. Das Ansehen des Berufs ist nicht das beste. Dafür werden vielfältige Gründe genannt. Hendrik Jansen, Mitgeschäftsführer der Dachser Service und Ausbildungs GmbH, nennt einen wichtigen Punkt: „Auch das Thema Arbeitszeiten verstärkt das schlechte Image des Fahrerberufs.“

          Und BGL-Vorstandssprecher Engelhardt sagt, ebenso machten oftmals schlechte organisatorische Zustände an den Be- und Entladerampen den betroffenen Fahrern das Leben schwer. „Das beginnt bei unkalkulierbar langen Wartezeiten, geht über zeit- und kostenintensive Probleme beim Palettentausch bis zu – vor allem für Lkw-Fahrerinnen – teils unzumutbaren hygienischen Zuständen und endet keineswegs bei unzureichend ausgeprägten menschlichen Umgangsformen.“ Überdies müsse verstärkt gegen den ebenfalls seit Jahren bestehenden Parkplatzmangel vorgegangen werden.

          Speditionen suchen Personal im Ausland

          Mit Aussetzung der Wehrpflicht im Jahre 2011 ist die Bundeswehr als große Ausbildungsinstitution für Berufskraftfahrer praktisch weggefallen. In der Vergangenheit bildete sie etwa 15.000 Fahrer im Jahr aus, wie Engelhardt berichtet. „Auch wenn nicht jeder davon im Zivilberuf Lkw-Fahrer wurde, so haben doch viele als Student oder anderweitig hinter dem Lkw-Lenkrad gesessen.“ Dieses Reservoir sei mittlerweile so gut wie erschöpft, weil die Bundeswehr kaum noch Lastwagenfahrer ausbilde und viele Transportleistungen an zivile Firmen vergebe.

          Wenn es nicht genügend Kräfte im Inland gibt, versuchen die Speditionen, im Ausland fündig zu werden. So auch der Mittelständler Schuon. Sandra Grimm, Geschäftsführerin der im Jahr 2013 gegründeten Personal-Service GmbH des Familienunternehmens, sagt, über die eigene Niederlassung in Ungarn kämen die entsprechenden Fahrerkontakte. „Sie arbeiten dann drei Wochen am Stück und fahren anschließend eine Woche in den Heimaturlaub zurück.“ Schuon organisiere zugleich die Hin- und Rückfahrten nach Ungarn.

          Das Volumen der Güter auf den Straßen nimmt stetig zu. Der BGL-Vorstandssprecher verweist auf eine Prognose des zuständigen Bundesamtes für Güterverkehr, wonach für das Jahr 2018 im Straßengüterverkehr mit einem Anstieg der Verkehrsleistung um 3,4 Prozent auf 507,9 Milliarden Tonnenkilometern gerechnet wird. Im Transportgewerbe herrscht ein starker Preiskampf. Die Schuon-Verantwortliche Grimm sagt: „Der Kostendruck in der Branche ist da. Vor allem durch die osteuropäischen Speditionen.“ Für die Fahrer ausländischer Speditionen und Transportunternehmen in Deutschland gilt nach wie vor die Mindestlohnpflicht. „Nur für die Transitverkehre durch Deutschland sind lediglich Kontrolle und Ahndung ausgesetzt“, sagt BGL-Vorstandssprecher Engelhardt.

          „Maschine funktioniert nicht ohne den Menschen“

          Er verweist darauf, dass der Mindestlohn für die Mitgliedsunternehmen von jeher von untergeordneter Bedeutung gewesen sei, da dort in der Regel nach Tarif bezahlt werden müsse und die Tariflöhne schon vor der Einführung des Mindestlohnes über dessen Niveau lagen. Bei nicht tarifgebundenen Unternehmen möge dies im Einzelfall anders gewesen sein. „Aufgrund des sich seit Jahren immer mehr zuspitzenden Fahrermangels spielt der Mindestlohn jedoch auch dort keine Rolle mehr, da nach unseren Erkenntnissen höhere Löhne gezahlt werden.“

          Auch in Zeiten, in denen über das autonome Fahren gesprochen wird, wird der Mann oder die Frau in der Kabine gebraucht. Da sind sich alle Verantwortlichen sicher. Dachser-Manager Jansen meint dazu: „Der Beruf des Kraftfahrers ist ein verantwortungsvoller und vielschichtiger Beruf, der auch zukünftig große Bedeutung für die Branche haben wird: Die Logistik wird immer Fahrer benötigen.“ Möglicherweise würden sie nicht mehr den Lastwagen auf der Autobahn lenken, aber es blieben viele andere Funktionen, etwa an der Rampe oder beim Kunden. „Die Maschine funktioniert im wahren Leben nicht ohne den Menschen, auch nicht beim autonomen Fahren und in der Logistik.“ In Zukunft würden sich die Fahrer noch stärker mit der Technik und digitalen Anwendungen beschäftigen, die umgedreht den Fahrerberuf noch stärker aufwerten würden.

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