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Ungleichheit : In der Gastronomie steigen die Löhne besonders kräftig

Guter Service ist knapp Bild: Nerea Lakuntza

Jahrelang eilten Industriebeschäftigte mit ihren Lohnzuwächsen dem Rest der Arbeitnehmer voraus. Doch das ist vorbei – nicht nur, weil der Mindestlohn in anderen Branchen als Treiber wirkt.

          3 Min.

          Jahrzehntelang standen Indus­triebeschäftigte hierzulande an der Spitze der allgemeinen Lohnentwicklung. Zusammen mit den vielen erfolgreichen Weltmarktunternehmen, ob Autohersteller oder Maschinenbauer, profitierten auch sie von der Globalisierung. Nebenbei wirkte dies aber auch als Verstärker der statistischen Lohnungleichheit zwischen Männern und Frauen, da in der Industrie überproportional viele Männer tätig sind. Nun aber bahnt sich eine interessante Verschiebung an: Der Lohnanstieg in der Industrie verlangsamt sich, während sein Tempo etwa im Gastgewerbe und in der Altenpflege kräftig wächst.

          Dietrich Creutzburg
          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Ein Bild davon liefert die jährliche Lohnstatistik der Bundesagentur für Arbeit, deren neue Ausgabe nun vorliegt. Maschinen- und Fahrzeugtechnikberufe: plus 8,2 Prozent. Gastronomie: plus 13,5 Prozent. Reinigungsberufe: plus 16 Prozent. Altenpflege: plus 25,7 Prozent. Dies sind die Steigerungen der mittleren Monatsentgelte für Vollzeitarbeit im Zeitraum von 2016 bis 2021. Die Daten basieren auf den offiziellen Sozialversicherungsmeldungen der Unternehmen.

          Auslöser: Arbeitskräftemangel und Mindestlöhne

          Der Kurzfristvergleich von 2021 zu 2020 fällt ähnlich aus. Maschinen- und Fahrzeugtechnik: plus 1,8 Prozent. Reinigungsberufe: plus 4,2 Prozent. Altenpflege: plus 5,2. Gastronomie: plus 5,7. Die frühere Vorreiterrolle der Industrie wird hingegen in einem Langfristvergleich deutlich, wie ihn die amtliche Tariflohnstatistik erlaubt: In den Jahren 2005 bis 2019 sind die Tariflöhne im Maschinen- und Fahrzeugbau um gut 45 Prozent gestiegen, im Gastgewerbe nur um 32 Prozent. Im Gesundheits- und Sozialwesen, zu dem auch die Altenpflege zählt, waren es 37 Prozent.

          Offenbar treffen bei den jüngsten Verschiebungen zwei Faktoren aufeinander: Arbeitskräftemangel und verstärktes Eingreifen der Politik durch Mindestlöhne treiben das Entgeltniveau in den zuvor hinterherhinkenden Branchen nach oben. Die Industrie hingegen, die schon 2019 in eine Rezession gerutscht war, gerät nun zusätzlich durch Einschränkungen des Welthandels sowie den Strukturwandel im Zeichen des Klimaschutzes unter Druck.

          Dennoch gibt es zwischen den Branchen und Berufsfeldern nach wie vor erhebliche Lohnunterschiede – die allerdings zum Teil auch mit Unterschieden im Qualifikationsniveau der Beschäftigten zu tun haben. In Maschinen- und Fahrzeugtechnikberufen wurden 2021 für Vollzeitarbeit im Mittel 3730 Euro brutto im Monat gezahlt, wie die Bundesagentur darlegt. Für Altenpflegekräfte gab es 3062 Euro. In den Reinigungsberufen waren es hingegen nur 2099 Euro und in der Gastronomie 1992 Euro.

          Im Herbst treten die Gewerkschaften IG Metall und IG BCE in ihren großen Tarifrunden an, wieder mehr für Industriebeschäftigte herauszuholen. Allerdings werden sie damit kaum das Tempo erreichen, das derzeit im Bereich des Mindestlohns herrscht. Dieser steigt im Oktober auf 12 Euro je Stunde; das sind 25 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Und es prägt die Lohnrunden in Branchen, deren Tarifniveau nur knapp darüber liegt. Im Floristikgewerbe haben IG Bau und Arbeitgeber soeben ein Plus von 17,4 Prozent vereinbart, wenn auch verteilt auf zwei Jahre. Die IG Metall erhebt in der Metall- und Elektroindustrie „nur“ eine Forderung von 8 Prozent.

          Lohnunterschied zwischen Deutschen und Ausländern wächst

          Die Wachablösung in der Lohnpolitik lässt auch den statistisch definierten Niedriglohnbereich weiter schrumpfen. Laut Bundesagentur ist der Anteil der Betroffenen 2021 auf den niedrigsten Stand seit der Jahrtausendwende gefallen: 18,1 Prozent der Vollzeitbeschäftigten erzielten Löhne, die unterhalb der Grenze von zwei Dritteln des allgemeinen Lohnmittelwerts lagen. Das waren im vergangenen Jahr 2344 Euro. Zum Vergleich: 2011 arbeiteten noch 21,1 Prozent unterhalb des damaligen Schwellenwerts von 1868 Euro.

          Mit dem starken Lohnanstieg in Branchen, in denen traditionell viele Frauen arbeiten, nähert sich zudem das mittlere Gehaltsniveau von Frauen dem der Männer weiter an. Der Auswertung zufolge lag der mittlere Vollzeitverdienst von Männern zuletzt bei 3649 Euro und damit 10,6 Prozent höher als 2016. Frauen kamen im Mittel auf 3276 Euro – ein Plus von 15,6 Prozent seit 2016. Der Abstand schrumpfte damit von 468 auf 373 Euro. Wie stark jedoch regionale Wirtschaftsstrukturen diese „Lücke“ beeinflussen, zeigt sich etwa in Brandenburg. Dort lag 2021 das mittlere Gehalt von Frauen um 133 Euro höher als das von Männern.

          Ein anderer Unterschied hingegen, der weniger im Blickfeld politischer Debatten steht, wächst der Statistik zufolge stetig: der Lohnabstand zwischen Ausländern und Deutschen auf dem hiesigen Arbeitsmarkt. Er machte 2014 im Mittel 576 Euro im Monat bei Vollzeitarbeit aus und ist bis 2021 auf 915 Euro gewachsen. Dies dürfte vor allem damit zu erklären sein, dass seither zwar viele Einwanderer einen Einstieg in Beschäftigung gefunden haben, der Anteil der Höherqualifizierten aber unter dem Durchschnitt früherer Jahre lag.

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