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Vereine in Notlage : Wenn die Helfer um Hilfe flehen

Die Corona-Krise hat die deutschen Jugendherbergen schwer getroffen. Bild: dpa

In der Corona-Krise geraten gemeinnützige Betriebe in Bedrängnis. Dass sie keine Rücklagen haben, wird ihnen jetzt zum Verhängnis

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          Eigentlich ist Andreas Heineckes Geschäft die Begegnung. In seinen Ausstellungen und Museen führten bis vor ein paar Wochen – sie kommen ihm jetzt schon wie ein Jahr vor – Blinde Sehende durch die Dunkelheit. Auch Gehörlose und Senioren über 70 arbeiteten für Heineckes Sozialunternehmen. Sie erklärten Hörenden die Stille und Jungen das Alter. Mit Begegnungen ist es erst mal vorbei, auch für Heinecke. Er rechnet damit, dass sein Museum in Hamburg – genau wie die meisten der 33 Dialoghäuser genannten Einrichtungen, die international in einer Art Franchise-System organisiert sind – bis Ende des Jahres geschlossen bleiben muss.

          Sarah Obertreis

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Der 64 Jahre alte Heinecke verschickt jetzt E-Mails. Die tragen Betreffzeilen wie „Sozialunternehmer fallen durch alle Netze“. Er hat ein Video von sich drehen lassen und es auf die Website seines Museums, des Dialoghauses Hamburg, gestellt: „Spenden Sie an uns“, sagt Heinecke in schwarzem Anzug und weißem Hemd. „Jeder kleine Betrag hilft uns, am Leben zu bleiben.“

          150 000 Euro, rechnet er vor, seien so schon zusammengekommen. Für ein Unternehmen mit 130 Mitarbeitern, das sich in der Hamburger Speicherstadt eingemietet hat und in normalen Jahren 2,7 Millionen Euro Umsatz erwirtschaftet, reicht das bei weitem nicht aus. 87 Prozent von Heineckes Einnahmen kommen normalerweise über Eintrittsgelder oder Veranstaltungen in die Kassen. 500 000 Euro mehr braucht er mindestens, um in diesem Jahr nicht unterzugehen.

          Sein größter Erfolg in dieser Krise sind daher nicht die gesammelten Spenden, sondern die erlangte Aufmerksamkeit: Rolf Mützenich, der Fraktionsvorsitzende der SPD im Bundestag, trat am 23. April, keine zehn Minuten nach der Regierungserklärung der Kanzlerin, hinter das Rednerpult im Bundestag und echauffierte sich über fehlende Hilfen für gemeinnützige Einrichtungen: „Ich nenne zum Beispiel ein Hamburger Unternehmen“, sagte Mützenich und erklärte, wie Heineckes blinde Mitarbeiter Besucher durch das Dunkel des Museums führten. „Sie bekommen keine Hilfe von der KfW“, sagte der Fraktionsvorsitzende und forderte „Korrekturen“.

          Gemeinnützige Vereine ohne Schutz?

          Tatsächlich bietet die staatliche Förderbank bisher keine Kredite für gemeinnützige Einrichtungen an, die durch die Corona-Pandemie in Schwierigkeiten geraten sind. Auch Zuschüsse gibt es nur in einzelnen Bundesländern, etwa in Bayern oder Hessen. Das Bundesfinanzministerium teilt auf seiner Website mit: „KfW-Programme für die gewerbliche Wirtschaft passen nicht für gemeinnützige Vereine.“ Auf Nachfrage verweist eine Sprecherin des Ministeriums auf steuerliche Maßnahmen, die den Einrichtungen helfen sollen. Sie sind Welten von dem entfernt, was sich die gemeinnützig, aber auch wirtschaftlich agierenden Initiativen wünschen.

          Nicht nur Heinecke beklagt sich. Das Deutsche Jugendherbergswerk (DJH) teilt mit, es fühle sich „außen vor“ und „ohne wirksamen Schutz“ sich selbst überlassen. Auch das Social Entrepreneurship Netzwerk verkündet: „Sozialunternehmen fallen größtenteils durchs Raster!“ Es hat eine Umfrage unter seinen Mitgliedern gemacht: 85 Prozent der Sozialunternehmer erklärten, die Krise bedrohe ihre Existenz, jeder dritte gab an, innerhalb der nächsten drei Monate nicht mehr geschäftsfähig zu sein.

          Das Problem ist nicht nur, dass es zu wenig Hilfen gibt. Die Bedürfnisse der gemeinnützigen Einrichtungen unterscheiden sich auch stark je nach Größe und Rechtsform. Was sie gemeinsam haben: Fast niemand von ihnen hat Rücklagen. Entweder erlaubt ihre Rechtsform das gar nicht erst, oder sie investieren Gewinne direkt wieder in Projekte für wohltätige Zwecke. Das führt dazu, dass die allermeisten von ihnen nach den klassischen Kriterien nicht kreditwürdig sind.

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