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Wegen der Impfpflicht : Zeitarbeitskräfte in der Pflege gebraucht wie nie

Ein Demonstrant bei einem Protest gegen die Corona-Politik hält ein Banner mit der Aufschrift „Ich pflege mit Herz – Impfstatus egal“ hoch. Bild: dpa

In Pflegeheimen und Krankenhäusern gilt bald eine Impfpflicht. Zeitarbeitsunternehmen bekommen deshalb schon jetzt sehr viele Anfragen – einen Großteil können sie nicht annehmen.

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          Der Einsatz von Zeitarbeitskräften in Pflegeheimen und Krankenhäusern ist schon lange ein Reizthema: Berlin wollte Leiharbeit in der Pflege vor einiger Zeit über eine Bundesratsinitiative komplett verbieten, in Bayern hat die Landespflegesatzkommission sie im Dezember auf „betrieblich notwendige Situationen“ begrenzt. Doch so ungeliebt die Zeitarbeit in Teilen der Politik und bei einigen Trägern ist – derzeit wird sie mehr gebraucht denn je.

          Britta Beeger
          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Das liegt auch an der bevorstehenden Impfpflicht, die von Mitte März an in Pflegeheimen, Krankenhäusern, ambulanten Diensten, Arztpraxen und Rettungsdiensten gilt. Die Anfragen seien deshalb stark gestiegen, berichtet Matthias Hiepko, Geschäftsführer des Hamburger Personaldienstleisters Avanti, der sich auf den medizinischen Bereich spezialisiert hat und unter anderem Kranken- und Altenpfleger sowie Personal für die Anästhesie- und Intensivpflege verleiht. „Wir sind allerdings ausgebucht und müssen eigentlich immer absagen.“

          So geht es derzeit auch vielen anderen Unternehmen in dem stark zerfaserten und nach wie vor eher kleinen Markt. In Deutschland gibt es nur wenige große Personaldienstleister, die Zeitarbeitskräfte in die Pflege vermitteln, dafür aber umso mehr Klein- und Kleinstbetriebe. Sie alle können sich schon seit Beginn der Corona-Krise vor Anfragen kaum retten. Denn auch in den Kliniken und Heimen erkranken immer wieder Mitarbeiter an Corona oder müssen in Quarantäne – und somit zeitweise ersetzt werden. Adecco aus der Schweiz zum Beispiel habe derzeit rund 1800 Pflegekräfte im Einsatz und damit rund dreimal so viele wie vor der Pandemie, berichtet Public-Affairs-Manager Martin Heinen. Er rechnet damit, dass der Bedarf wegen der Impfpflicht nun noch weiter zunimmt.

          Die Nachfrage ist einfach viel zu groß

          Bei anderen Unternehmen ist das schon der Fall. „Wir merken ganz stark, dass die Anfragen gestiegen sind“, erzählt Christian Baumann, Geschäftsführer von Pluss Personalmanagement, einem der größeren Personaldienstleister im Pflegebereich. Baumann ist zugleich Vorsitzender des Interessenverbands Deutscher Zeitarbeitsunternehmen, eines der beiden Arbeitgeberverbände der Branche. Viele seiner Kunden haben Ende Januar ihre Dienstpläne für März geschrieben, die Mitarbeiter von Pluss haben dann die Lücken gefüllt. Eine stille Reserve für kurzfristige Anfragen habe er noch, sagt Baumann, auch wenn das betriebswirtschaftlich für ihn ein Risiko sei. „Wir machen das, damit wir unsere Kunden in Notlagen unterstützen können.“ Grundsätzlich aber könne er die verstärkte Nachfrage nach voll geimpften Pflegefachkräften „natürlich nicht bedienen“, sagt Baumann. Sie ist einfach zu groß.

          Allerdings zeigen die Gespräche mit Zeitarbeitsunternehmen, dass es durchaus Unterschiede gibt, regional, aber auch zwischen der Kranken- und der Altenpflege. Bei Avanti melden sich vor allem Kliniken, die Intensiv- und Anästhesiekräfte suchen – und zwar voll geimpfte. In der Altenpflege hingegen würden sich viele Einrichtungen in Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Bayern offenbar darauf einstellen, dass die Gesundheitsämter erst einmal keine Betretungs- oder Beschäftigungsverbote verhängen, sagt Avanti-Geschäftsführer Hiepko. Sie fragen bei ihm durchaus auch nach ungeimpften Pflegekräften.

          Erstmal keine flächendeckenden Beschäftigungsverbote

          Andere Zeitarbeitsunternehmen machen im Austausch mit ihren Kunden ähnliche Erfahrungen. Tatsächlich haben die Gesundheitsämter einen Ermessensspielraum, damit die Versorgung gewährleistet bleibt, wie Bund und Länder bei der Ministerpräsidentenkonferenz vergangene Woche gerade noch einmal bekräftigt haben. So zeichnet sich jetzt schon ab, dass es in Deutschland Mitte März nicht sofort zu flächendeckenden Betretungs- und Beschäftigungsverboten für Pflegekräfte und andere Mitarbeiter in Pflegeheimen und Krankenhäusern kommen wird. Thüringen hat sogar schon angekündigt, dass ungeimpfte Pflegekräfte erst Ende Juli oder Anfang August mit solchen Verboten rechnen müssen.

          Dennoch haben viele Zeitarbeitsunternehmen derzeit mehr Anfragen, als sie annehmen können – zumal die Impfpflicht auch für ihre Mitarbeiter gilt, sofern sie in den betroffenen Einrichtungen eingesetzt werden sollen. Pluss-Geschäftsführer Baumann hat eigens einen Arzt eingestellt, der Aufklärungsgespräche mit den Mitarbeitern führt. Denn auch in seinem Unternehmen gebe es einen harten Kern von Impfverweigerern, den er bislang nicht erreichen konnte, sagt Baumann. Aufgegeben hat er noch nicht, in dieser Hinsicht geht es ihm wie seinen Kunden: „Wir können es uns nicht leisten, auch nur eine einzige Pflegefachkraft zu verlieren.“

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