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Immobilienmaklerin mit Türkischlehrerpotential : „Meine Güte bin ich heute wieder deutsch“

  • -Aktualisiert am

Fremdenfeindlichkeit habe ich nie spüren müssen. Im Gegenteil: Manchmal ertappe ich mich bei dem Gedanken: „Meine Güte, bin ich heute wieder deutsch.“ Menschen, wie ich es bin, sind nicht die Ausnahme. Nur fallen „wir“ nicht unbedingt auf, weil wir „assimiliert“ oder „integriert“ sind.

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          Es gibt sicherlich Tage, an denen ich mich mit folgendem Gedanken ertappe: „Meine Güte, bin ich heute wieder deutsch.“ Dann muss ich über mich selbst lachen. Denn was ist denn „deutsch“? In diesem Augenblick bin ich doch „nur“ Sibel, die die Charakterzüge Perfektion, Pünktlichkeit und Disziplin in sich vereint. Ist das wirklich deutsch?

          Mein Vater war schon drei Jahre in Deutschland und hat in einer Stahlhütte in Hagen gearbeitet, als er meine Mutter und mich nach Deutschland holte. Damals war ich drei Monate alt. Meine Eltern stammen aus Kayseri, einem anatolischen Dorf. Trotz der bäuerlichen Begebenheiten war meine Mutter zu der Zeit relativ modern, trug die Haare offen und Minikleider. Dieses wollte mein Vater in Deutschland nicht ändern. Er war der Meinung, dass meine Mutter sich in Deutschland anpassen sollte und „verbot“ ihr das Tragen des Kopftuches. Wir sollten so wenig wie möglich auffallen, da wir doch in einer rein deutschen Gegend ohne weitere Ausländer um uns herum wohnten.

          Deutsche Oma

          Die deutsche Sprache erlernten meine Schwester, mein Bruder und ich von deutschen Freunden, im speziellen von unserer „deutschen Oma“, deren Ehemann Mathematiklehrer und sie Deutschlehrerin war. Dieser Oma haben wir sehr viel zu verdanken. Sie hat uns bis zur Pubertät begleitet und uns die Unterstützung und Hilfe geboten, ohne die wir jetzt wahrscheinlich nicht so weit gekommen wären.

          Mein Vater legte immer großen Wert, dass wir in einer Umgebung aufwuchsen, wo es wenig „Türken“ gab. Es hört sich schlimmer an, als es ist. Aber er wollte nicht, dass sich jemand (gewollt oder ungewollt) in seine Erziehung einmischt.

          In der 4. Klasse kämpften mein Vater und ich dafür, dass ich auf das Gymnasium kam, obwohl meine Grundschullehrerin der Auffassung war, dass ich als Türkin auch gut auf der Realschule aufgehoben sei. Es gäbe wenige Türken, die es auf dem Gymnasium geschafft hätten, man solle sich keine Illusionen machen.

          Erst einmal Geld verdienen

          Mit 20 und Abitur in der Tasche (Schwerpunktfächer: Deutsch und Englisch) wusste ich nicht, wohin die Reise gehen sollte. Den Wunsch meiner Eltern, Kinderärztin zu werden, wollte ich nicht erfüllen. Ich selbst hatte von jeher Ambitionen entweder den Weg einer Politikerin oder einer Journalistin einzuschlagen. Im Endeffekt entschied ich mich aber für das Geld verdienen und machte eine Ausbildung zur Industriekauffrau.

          Meine Eltern waren der Meinung, ich solle erst einmal Geld verdienen und dann weiter schauen. Ich solle mich bloß nicht von einem Mann finanziell abhängig machen. So sollte es sein.

          Den Chefs türkisch beigebracht

          Während meiner Ausbildung bei der Fa. Altenloh, Brinck und Co. in Ennepetal erkannte man sehr schnell, dass ich Potential für mehr besaß, als stumpf Akten zu sortieren und Kopien zu machen. Im ersten Ausbildungsjahr wurde ich im Vertrieb als Disponentin eingesetzt und durfte die Assistenz des Geschäftsführers mit übernehmen. Ich wurde als erste Türkin in der Verwaltung in die Dependance nach Istanbul geschickt, um auf Messen die Repräsentanz zu übernehmen.

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