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Immobilien : Berlin, Berlin, wir kaufen in Berlin!

Manchem Eingesessenen ist es schon zu viel der neuen Bürgerlichkeit, und an einigen Orten wird aus dem Unmut offener Protest. Seit knapp drei Monaten harren die Mitglieder einer Mieterinitiative in einem Camp am Kottbusser Tor in Kreuzberg aus. Kaum irgendwo treffen altes und neues Berlin härter aufeinander als hier. Direkt am Platz türmt sich das „Neue Kreuzberger Zentrum“ auf, ein grauer Sozialwohnungs-Koloss aus den frühen siebziger Jahren. Dahinter liegen die intakten Gründerzeit-Straßen mit ihren Cafés, Kneipen und kleinen Läden, auf die Zuzügler aus dem In- und Ausland so versessen sind. Mit mehr als acht Euro Kaltmiete pro Quadratmeter liegt der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg bei Neuvermietungen an der Spitze der Berliner Preisskala.

“Steigende Mieten stoppen“ steht auf einem der Banner, mit denen die Demonstranten ihr Camp versehen haben. Besucher werden freundlich begrüßt, auf einen Kaffee oder Tee eingeladen und in die Sorgen der Anwohner eingeweiht: Sie beklagen steigende Mieten sowie horrende Nachforderungen für Betriebskosten. Weil das Land Berlin die öffentliche Förderung für Sozialwohnungen auslaufen lässt, dürfen die Vermieter diese Einnahmeverluste auf die Bewohner umlegen. Von ihnen beziehen viele Hartz IV. Steigen die Unterkunftskosten zu stark, müssen sie auf Geheiß des Jobcenters umziehen - vorzugsweise in wenig begehrte Außenbezirke wie Spandau im Westen oder Marzahn im Osten. Gerade Einwanderer aus der Türkei, die oft in zweiter oder dritter Generation in Kreuzberg leben und den Bezirk jahrzehntelang geprägt haben, empfinden das als eine Art zweite Emigration.

Wowereit: „Kein Verdrängungsprozess“

Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) reagiert auf die Debatte wie zuletzt auf fast jedes politische Problem: mit Desinteresse. „Wenn besser Verdienende wieder in ehemals sozial belastete Quartiere zurückkommen, dann ist das noch kein Verdrängungsprozess“, erklärte er voriges Jahr im Wahlkampf. So sieht es auch Michael Müller, Senator für Stadtentwicklung und enger Vertrauter Wowereits. „Ich bezweifle, dass man von einer Preisexplosion in Berlin reden kann“, erklärte eine Sprecherin auf Anfrage. Ein bisschen beunruhigt ist die SPD allerdings schon, zumal die eigene Parteilinke kräftig Druck macht. Mit den sechs städtischen Wohnungsgesellschaften hat Müller ein „Bündnis für bezahlbare Mieten“ geschlossen. Es sieht unter anderem vor, dass die Gesellschaften Wohnungsbestände aufkaufen - womit sie die Kaufpreise und damit auch die Mieten weiter treiben.

So wird der Boom vorerst weitergehen. Auch Studenten können von ihm profitieren - wenn sie auf der richtigen Seite stehen und als Anbieter auftreten. So wollte der 21-jährige Manuel Metschel sein Zimmer untervermieten, weil er für ein halbes Jahr nach Madrid geht. Obwohl er es nur auf Facebook anbot, ansehbar für Freunde von Freunden, war er es sofort los. Fast alle attraktiven Wohnungen, gleich ob zum Kaufen oder Mieten, werden inzwischen über solche Mundpropaganda vergeben. Wer auf offiziellen Immobilienportalen inseriert, kann die Anfragen gar nicht mehr bewältigen. Trotzdem hat Metschel nur den Preis genommen, den er auch selbst bezahlt: 365 Euro. Obwohl sich das Zimmer dort befindet, wo sich jetzt alle drängeln: in Neukölln.

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