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Im Porträt: Mark Carney : Ein Regulierer mit Charme

Mark Carney, Gouverneur der Bank von Kanada Bild: Reuters

Der Gouverneur der Bank von Kanada hat selbst 13 Jahre lang als Investmentbanker in London, Tokio und New York gearbeitet. Trotzdem dürfen die Großbanken der Welt kein Pardon von ihm erhoffen.

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          Zunehmend dringen die Banken darauf, es mit der Regulierung und den Eigenkapitalanforderungen nicht zu übertreiben. Sie warnen, dass der sich abschwächenden Weltwirtschaft sonst auch noch ein geringeres Kreditangebot drohe.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Den nüchtern analysierenden Mark Carney lassen solche Argumente kalt. Mit Verve nahm er vor wenigen Wochen auf der Jahrestagung des Internationalen Bankenverbands IIF in Washington die Berechnungen über die angeblich großen Wachstumsverluste durch die neuen Vorschriften auseinander. Gedanken an eine verzögerte Einführung der neuen Eigenkapitalrichtlinien Basel III verwarf er strikt. „Wenn manche Institutionen heute Druck verspüren, dann liegt das daran, dass sie zu lange zu wenig getan haben“, sagte Carney. Dem Argument einer drohenden Kreditklemme setzte er entgegen, dass es nicht am Angebot, sondern an der Kreditnachfrage mangele, weil private Haushalte ihre Überschuldung abbauen müssten.

          Carneys Berufung ist ein Lob für Kanada

          Carney soll auf dem Gipfeltreffen der G20-Staaten in dieser Woche im französischen Cannes zum Vorsitzenden des internationalen Finanzstabilitätsrats (FSB) berufen werden. Der Finanzstabilitätsrat setzt sich aus Vertretern von Notenbanken, von Aufsichtsbehörden und von Fachministerien zusammen. In enger Zusammenarbeit mit dem Basler Ausschuss ist der FSB die Schaltzentrale, in der als Folge der Finanzkrise die neuen Regeln für die Finanzmärkte entworfen werden. Die Absicht der G20, systemrelevanten Finanzhäusern einen zusätzlichen Eigenkapitalpuffer abzuverlangen, beruht auf einer FSB-Idee. Carney erhielt den Vorzug vor dem Notenbankgouverneur der Schweizerischen Nationalbank, Philipp Hildebrand. Er folgt auf Mario Draghi, der gerade sein Amt als Präsident der Europäischen Zentralbank angetreten hat.

          „Der FSB muss wie ein Polizist wirken“, fordert Carney. Der gerade mal 46 Jahre alte Kanadier ist für die neue Aufgabe prädestiniert. Als Vorsitzender des Ausschusses für das Globale Finanzsystem der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich hat er wichtige Impulse für die Regulierung gesetzt. Seine Berufung ist aber auch ein Lob für Kanada. Das Land hat die Finanzkrise nicht nur ohne Bankenzusammenbruch ausgezeichnet überstanden, sondern gilt als Vorzeigemodell einer guten Finanzaufsicht.

          Die Aufseher kennen ihre Banken gut und haben jahrelange Erfahrungen mit Regeln, über die andere Regierungen erst mit der Finanzkrise nachzudenken begannen. Kanada hat etwa eine Grenze gesetzt für das Ausmaß, mit dem Banken ihre Geschäfte „hebeln“, und so die Risiken für das Finanzsystem begrenzt. Als Notenbankgouverneur wirkt Carney an der Aufsicht mit. „Gute Aufseher blicken über die Buchstaben der Regeln hinaus auf den Geist der Regeln“, beschreibt er sein Credo einer guten Finanzmarktregulierung.

          Wenn es geboten ist, nimmt er kein Blatt vor den Mund

          Carney weiß, wovon er spricht. Vor seiner Zeit als Notenbanker arbeitete er 13 Jahre lang für die Investmentbank Goldman Sachs in London, Tokio, New York und Toronto. Ihm wird ein sehr gutes Verhältnis zu Finanzminister James Flaherty nachgesagt. Vor Journalisten tritt er freundlich und zugänglich auf. Wenn es geboten ist, nimmt er kein Blatt vor den Mund. Beim Finanzministertreffen der G20 in Paris Mitte Oktober empfahl Carney den Europäern öffentlich, ihren Rettungsfonds EFSF auf 1 Billion Euro aufzustocken und ihre Banken dringend zu rekapitalisieren. Zugleich zeigte er Sympathie mit den Demonstranten der „Occupy Wall Street“- Bewegung. Die Ungleichheit habe als Folge der Globalisierung und der Technik zugenommen. Der Frust der Demonstranten sei verständlich. Kanadische Zeitungen analysierten seine „plötzliche Gesprächigkeit“ und vermuteten, Carney habe wohl Punkte machen wollen im Wettlauf um die FSB-Spitzenposition.

          Das Time-Magazin zählt ihn  zu den 100 wichtigsten Personen

          Der Ökonom hat seine Ausbildung an den renommierten Universitäten in Harvard und Oxford absolviert. 2008 wurde er Gouverneur der Bank von Kanada, damals mit 42 Jahren der jüngste Notenbankchef im Kreis der Siebenergruppe der wichtigsten Industriestaaten. Das amerikanische Time-Magazin zählte ihn im vergangenen Jahr zu den 100 wichtigsten Personen. Carney vereine mehrere Eigenschaften, die kanadische Notenbanker oft auszeichneten, hieß es. Er sei jung, gut aussehend, charmant - und obendrein noch unverschämt schlau.

          Zentralbanker loben ihn als eine ausgezeichnete Wahl. Carney denkt außerhalb eingefahrener Bahnen. Im Frühjahr 2009 versprach die Bank von Kanada unter seiner Führung, den Leitzins von damals 0,25 Prozent bis Juni 2010 konstant zu halten. Das nahm Unruhe aus den Finanzmärkten. Die Innovation in der geldpolitischen Kommunikation fand gerade erst beim großen Nachbarn, den Vereinigten Staaten, das Lob von Ben Bernanke, dem Vorsitzenden der Federal Reserve. Carney denke „sehr vernünftig“ und nicht amerikanisch, heißt es dagegen in europäischen Notenbankerkreisen, in denen die Geldpolitik der Fed auch auf Kritik stößt. Der Kanadier hat Fans auf beiden Seiten des Atlantiks.

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